„Ihre Version des Spiels“ mit Hannelore Hoger

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Alkohol lockert die Zunge nach der Lesung: Szene aus „Ihre Version des Spiels“ bei den Ruhrfestspielen mit Hannelore Hoger und Volker Lechtenbrink.

Marl - Am Lesetischchen fühlt Nathalie Oppenheim sich unwohl. Das Lesepult ist zu hoch für sie. Also setzt sie sich auf einen Stuhl. Und der Bibliothekar fuchtelt ihr das Mikrophon vor den Mund. Lesereisen müssen furchtbar sein. Die französische Dramatikerin Yasmina Reza hat daraus ein Stück gemacht:

Von Ralf Stiftel

„Ihre Version des Spiels“. Bei den Ruhrfestspielen läuft es im Theater Marl mit einer Starbesetzung. Hannelore Hoger („Bella Block“) spielt die Autorin, Volker Lechtenbrink einen Provinz-Bürgermeister.

Das verleiht der Ko-Produktion der Ruhrfestspiele mit dem Hamburger St. Pauli Theater einige Reize. Die Hoger gibt in der Inszenierung von Ulrich Waller eine wunderbar sperrige Bestseller-Autorin, die in einer grotesken Umgebung landet, in der Mehrzweckhalle von Vilan-en-Volène, wo ein linkischer Bibliothekar (Oliver Urbanski) sie ansagt, mit zitternden Händen und vor Aufregung schwer atmend. Eigentlich lehnt Nathalie Oppenheim Lesungen ab. Aber der Einladungsbrief hat sie angesprochen, und da hat sie Ja gesagt. Sie ist gutwillig, aber fühlt sich unwohl, was sich schon in ihrer Platzwahl ausdrückt. Und dann ist da noch die bekannte Fernseh-Journalistin Rosanna Ertel-Keval (Tatja Seibt), die sie penetrant darauf festlegen will, dass sie und ihre Ansichten sich decken mit dem, was die Hauptfigur ihres Romans „Das Land des Überdrusses“ ist, tut, sagt. Zufällig ist das auch eine Autorin, Gabrielle Gorne, die den Roman „Ihre Version des Spiels“ geschrieben hat.

Das klingt alles etwas kompliziert, und soll ja auch so sein. Reza füttert ihr verschachteltes Stück auch noch mit einem kleinen literarischen Who-is-who an von Cesare Pavese bis zu Julian Barnes. Aber vom Namedropping sollte man sich nicht irritieren lassen. Das Stück „Ihre Version des Spiels“ ist einfach eine knallige Komödie über den Kulturbetrieb, etwas, das sich in „Kunst“ und „Der Gott des Gemetzels“ schon andeutete.

Der Abend zerfällt in zwei Teile. Erst erlebt das Publikum die fiktive Lesung, und das ist so präsentiert, dass nach den Vorleseabschnitten tatsächlich applaudiert wird, als wäre die Hoger tatsächlich eine lesende Autorin. Und dann die anschließende Cocktailparty, bei der alle Akteure heftig der Bowle zusprechen und zum Ende hin Becauds Chanson „Nathalie“ anstimmen.

Man könnte es als zwei Sparring-Runden betrachten: Erst setzt die Journalistin der Schriftstellerin mit penetranten Fragen zu, inwieweit alles Schreiben sich autobiografisch entschlüsseln lässt. Dann wanzt sich der Bürgermeister an die prominente Besucherin der Stadt ran und gibt sich, während er schluckt und Cracker mampft, als verwandte Seele. Schon wegen der souveränen Darsteller zünden die Pointen dieses selbstreflexiven Stückes, das Selbstreflexion bestreitet. Famos Urbanski als eingeschüchterter, aber auch stolzer Kulturmanager, die Seibt als strenge Kulturdomina, Lechtenbrink als so jovialer wie bornierter Schleimer. Und die Hoger nimmt die Rolle der Starautorin mit klaren Ansichten, guten Manieren und gereizten Nerven sehr schön an.

Unklar bleibt bei diesem stark beklatschten Gastspiel nur eins: Was es mit den Ambitionen des Ruhrfestspiel-Programms „Aufbruch und Utopie“ zu tun hat. Letztlich war dies Tourneetheater mit Starbesetzung, wie man es oft sieht in Städten ohne festes eigenes Ensemble. Wenn auch vielleicht nicht ganz so prominent besetzt.

9., 10., 11., 12.5., Tel. 02361/92 180, www.ruhrfestspiele.de,

Quelle: wa.de

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