Hürlimanns „Gartenhaus“ in Oberhausen

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Die Trauer trägt Entfremdung in ihre Ehe: Szene aus „Das Gartenhaus“ mit Margot Gödrös und Hartmut Stanke.

Von Ralf Stiftel OBERHAUSEN - Wieder geht der alte Mann ans Regal, schraubt den Deckel von der Flasche, schüttet sich ein wenig braune Flüssigkeit ins Glas, nippt daran. Hartmut Stanke macht das so selbstverständlich, dass der Zuschauer es kaum bemerkt. Natürlich hat der Oberst ein Alkoholproblem. Aber er hat es auch im Griff. So wie er die Sache mit der Katze strategisch angeht. Verstecke mit rohem Fleisch in einem umbenutzten Zimmer. Täglich ein Besuch auf dem Friedhof, wo er das abgemagerte Tier heimlich aufpäppelt. Alles heimlich. Damit der Feind nichts merkt.

Am Theater Oberhausen verkörpert Stanke den einen Protagonisten in dem Stück „Das Gartenhaus“. Intendant Peter Carp inszeniert eine Bühnenversion von Thomas Hürlimanns Novelle (Textfassung: Stefanie Carp).

Eigentlich erzählt der Schweizer Autor eine Tragödie: Das bürgerliche Paar trauert um seinen früh verstorbenen Sohn. Und gleich am Anfang hört man, wie entzweit sie sind: Er möchte einen bescheidenen Rosenstrauch, sie einen Grabstein. Lucienne setzt sich durch. Irgendwie gelingt dem Paar die gemeinsame Trauer nicht. Und so besuchen sie zwar täglich das Grab. Aber jeder aus einem anderen Grund. Er schmuggelt Fleisch für die Katze. Bei einem alten Ehepaar fallen auch Kleinigkeiten schnell auf. Sie hält ihn für schrullig, schiebt sein Verhalten auf das Alter. Auf den Schnaps. Und reagiert mit Wut und Enttäuschung, als sie sein Geheimnis entdeckt.

In Oberhausen wird daraus eine leise und heitere Erzählung, ohne dass die Erschütterungen des Paars verkleinert würden. Man kann natürlich in der plötzlichen Tierliebe des alten Offiziers einen Spleen sehen. Vielleicht aber ist es bloß eine Ersatzhandlung: Für seinen Sohn kann er nichts mehr tun, für die Friedhofskatze schon. So missverstehen sie sich, reagieren verbittert, bis zu einem etwas unvermittelten Ende im Gartenhaus, in dem der Sohn mit seinem Schwager eine große Spielzeugeisenbahn aufgebaut hatte.

Selten sieht man am Stadttheater solche Stücke. Die Helden jenseits des heroischen Alters, gereift, abgeklärt und doch vor unerwarteten Wendungen nicht sicher. Keine junge, sondern eine bewährte Liebe gerät hier ins Wanken, und die Rivalin hat vier Pfoten. Die Koproduktion mit dem Theater Winterthur überzeugt vor allem durch ihre Hauptdarsteller. Stanke spielt großartig den alten Offizier, dessen Denken so in strategischen Bahnen läuft, der sich so stur in seine selbst gewählte Aufgabe verbeißt. Ebenso grandios verkörpert Margot Gödrös die kluge und verständige Gattin, die sich immer wieder zurückgewiesen fühlt – bis sie auf Mord sinnt. Susanne Burkhard als Tochter Zizi und Klaus Zwick als deren Mann Schacht haben wirklich nur Nebenrollen.

Selten führen die Figuren wirkliche Dialoge. Meistens erzählen sie, was sie tun. Das trägt zum abgeklärt philosophischen Grundton des Abends bei. Wände, teils aus Holz, teils aus Glas, werden verschoben (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Dazwischen fallen und wehen Herbstblätter. Und zwei Menschen finden, wenn auch vielleicht nicht ins Leben, so doch in ihre Liebe zurück.

26.3., 4., 25.4.,

Tel. 0208/ 85 78 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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