Horror mit Jörg Buttgereit am Schauspiel Dortmund

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Zum Hinschauen verdammt: Uwe Rohbeck und Ekkehard Freye (rechts) in „Im Studio hört dich niemand schreien“ am Schauspiel Dortmund.

DORTMUND - Uwe Rohbecks Augen werden größer und größer, er erstarrt, er wirkt erschreckt, angewidert, zutiefst verstört. Das Publikum im Studio des Schauspiels Dortmund sieht nur ihn in einem etwas angeranzten Wohnzimmer, das als Tonstudio dient. Und es sieht den weißen Lichtfleck des Projektors, in dem sich wirklich Schatten bewegen. Die Szene „Im Hexentunnel“ zeigt das Grauen, der Regisseur Dario Winestone (Ekkehard Freye) schwelgt in Details wie aus der Bauchhöhle fallenden Gedärmen und verbrutzelnden Schleimhäuten.

Es ist wieder Zeit für ein neues Stück von Jörg Buttgereit. Der Regisseur liebt das Genre-Kino. Sein Drama „Im Studio hört dich niemand schreien“ widmet sich dem Italo-Horror von Dario Argento, der in den 1970er Jahren B-Movie um B-Movie drehte, und in jedem floss eimerweise Blut, brachen Kochen, wurden schöne Frauen zerlegt, wurde natürlich oft und ausdauernd geschrien. Buttgereit schrieb mit Anne-Kathrin Schulz eine Hommage, die eine Art lexikalische Rückschau und Erläuterung dieses Kinos mit einer Spielhandlung verbindet, die prägende Motive daraus ironisch zusammenführt.

Und so kommt Rohbeck als Maximilian Schall in das Studio von Winestone (italienisch zu sprechen, dass es sich auf Minestrone reimt). Der deutsche Toningenieur, eigentlich Fachmann für Naturfilme, soll einspringen, damit das neueste Machwerk des Regisseurs rechtzeitig in die Kinos kommt. Der Horrorfilm versetzt ihm einen Kulturschock. Winestone führt offensichtlich einen Familienbetrieb, seine Geliebte, seine Tochter und sein Sohn haben tragende Rollen in der „Blutbraut der Bestie mit den schwarzen Handschuhen“.

Rohbeck ist urkomisch als etwas verklemmter Eigenbrötler, der zu den Briefen seiner Mutter von Zuhause immer den Zilpzalp hört, der dort brütet (und den die Tonregie einspielt). Dieser Schall scheint genauso aus dem Nest gefallen – mitten in ein Feld, das Winestone regiert. Freye verkörpert grandios den Regisseur, der zwar erkennbar möglichst viel Profit aus seinen Mitarbeitern schlagen will, der sich aber auch an den lustbesetzten Gewaltphantasien sichtlich selbst berauscht. Das sind hinreißende Momente, wenn Freye vom Hexentunnel erzählt, die Szene beginnt, Rohbeck Zucchini zerbricht und einen Wirsing erdolcht, um knackende Knochen und zerquetschte Innereien ins Ohr zu bringen, und dazu schreien die Darstellerinnen.

Dass nebenbei noch Kinogeschichte zelebriert wird (Winestones Sohn liebt Science Fiction wie „2001 – Odyssee im Weltraum“) und angesichts der Übergriffigkeit des Regisseurs auch die Me-Too-Debatte ihren Niederschlag findet, schärft den Abend noch an. Beim Abendessen serviert die schrecklich nette Filmfamilie Schall blutbildenden Rotwein, als wären wir in Draculas Schloss. Das Ensemble gibt alles bei diesem Parforce-Ritt durch die Popkultur, inclusive einer Girl-Rap-Version von „Sex Dwarf“. Marlena Keil gibt Eva viele Facetten von der ausgebeuteten Sekretärin über die fürsorgliche Freundin bis zum lüsternen Vamp. Caroline Hanke ist eine herrlich arrogante Geliebte, Alexandra Sinelnikova bringt in der Tochter die Gegensätze zusammen, einerseits die Frauenfeindlichkeit des Vaters anzuklagen, andererseits aber beim Schund vollauf mitzuschreien. Und Christian Freund mimt den eitlen, zweitklassigen Leinwandbeau, schon wie er mit einem Cocktail die Bühne betritt, ist sehenswert.

20.9., 6., 28.10., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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