Holger Seitz inszeniert die Operette „Die Piraten von Penzance“ in Münster

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Bunte Kostüme und Klamauk: Szene aus „Die Piraten von Penzance“ mit Henrike Jacob und Philippe Clark Hall.

Von Anke Schwarze MÜNSTER -  Piratenlehrling Frederic schlägt sich pathetisch die Hand aufs Herz, und die Seeräuber trampeln dazu ein biederes Tänzchen. Nicht nur das Meer – eine blaue Stoffröhre, durch die ein Gebläse pustet – erinnert am Theater Münster an die Augsburger Puppenkiste. In der Operette „Die Piraten von Penzance“ karikiert Holger Seitz hölzerne Theatralik, hohle Posen und stereotype Chor-Choreografie. Effektvoll lässt er sich auf das parodistische Wechselspiel von Musikstilen ein, das der Komponist Arthur Sullivan seiner Operette zugrunde legte.

Mit seinem scharfzüngigen Librettisten William Schenck Gilbert machte sich Sullivan über das viktorianische Pflichtgefühl des 19. Jahrhunderts lustig, über die Enge eines übertriebenen Ehrenkodex und die Verlogenheit von Standesdünkel. In Münster entlarvt sich das in schematischen, leeren Gesten. Seitz sowie Herbert Buckmiller (Bühne) und Götz Lanzelot Fischer (Kostüme) verzichten darauf, die Inszenierung mit modernen Anspielungen zu füttern. Stattdessen kumulieren sie vor einer komisch-kitschigen Kulisse britische Klischees: Im ersten Akt vertreiben sich die Piraten – abtrünnige Adelige – an einer Felsenküste die Zeit mit Karten- und Krocketspiel. Als stilechte Briten tragen sie Kilts, Karo-Hosen, Socken mit Tartanmuster. Im Hintergrund liegt ihr Schiff, die „Iron Lady“. Die Waffen stecken im Picknickkorb. Der zweite Akt persifliert neogotische Schauerromantik, mit mittelalterlichen Ruinen vor nachtblauem Himmel. Unterm Vollmond schiebt ein Frauenchor elegisch einen Grabstein im Takt hin- und her.

Leider beharrt Holger Seitz sehr auf seiner einmal gefundenen Bildsprache. Daher geraten einige Szenen, vor allem gegen Ende des ersten und zweiten Akts, zu langatmig. Da kommt es zwischendurch ganz gut, wenn ein Schreckschuss aus einer Kanone die Aufmerksamkeit wieder weckt. Bedauerlich ist außerdem, dass der Originaltext des Nonsens-Autors Gilbert nicht zur Geltung kommt. Die Operette wird in deutscher Sprache aufgeführt – unverständlich in Zeiten von Übertiteln.

Was in jedem Fall Spaß macht: mitzuerleben, wie Orchester und Sänger es genießen, abseits vom Ernst der großen Oper zu agieren. Unter der Leitung von Stefan Veselka gibt das Orchester sich gut gelaunt und der Operette den nötigen Schwung. Die Ouvertüre klingt flockig hingetupft, zugespitzte Rhythmen kontrastieren mit geschmeidigen Melodiebögen. Zwischendurch kokettieren die Musiker mit jahrmarktgemäßem Schrammeln. Oder sie übertreiben den dramatischen Klanggestus. Einer der gelungensten Momente ist die pseudo-tragische Abschiedsszene zwischen Frederic und seiner Verlobten Mabel: Frederic muss bis zu seinem 21. Geburtstag bei den Piraten bleiben. Da er nur in Schaltjahren Geburtstag hat, ist er dann 84. Das Orchester untermalt mit verdischer Tragik und mozartschem Hoffnungsschimmer.

Dazu schimpft und leidet Henrike Jacob (Mabel) mit präzis polierten Koloraturen. Philippe Clark Hall (Frederic) klingt in manchen Lagen etwas flach, persifliert aber amüsant die Gesangstechniken und tremoliert wie eine Platte mit Sprung. Suzanne McLeod (Ruth, Frederics Amme) überzieht alle Register der Operndiva und lautmalt mit Knarzen und Kieksern. Gregor Dalal inszeniert den textlichen Blödsinn des Piratenkönigs mit stoisch-prophetischem Bariton und sattem Schmelz. Sein Gegenspieler ist Generalmajor Stanley, ein militärisch unfähiger Emporkömmling, der sich eine Reihe von Vorfahren erkauft hat. John Pickering imitiert den schnarrenden Offizierston mit ratternder Singstimme. Den Chor – Piraten, Mädchen und Bobbys – hat Inna Batyuk mit dem richtigen Maß für Stimmgewalt und durchscheinendem Klang einstudiert. So sorgen die „Piraten von Penzance“ in Münster für einen unterhaltsamen Abend, verschenken aber die Möglichkeit einer Gegenwartssatire.

9.,25. 4.; 17., 31. 5.; 27., 29.6.

Tel. 0251/ 59 09 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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