Holger Bunk und Andreas Schulze in der Bielefelder Kunsthalle

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Holger Bunks Gemälde „Ballermann“ (1979, Acryl auf Leinwand) zählt zu den ersten Bildern, mit denen der Maler internationale Aufmerksamkeit erlangte. Zu sehen in Bielefeld.

BIELEFELD Ein Kerl mit Hut feuert eine Pistole ab und ein Mann stürzt vom Himmel. Warum das passiert, ist in beiden Gemälden von Holger Bunk nicht zu erkennen. Es gibt keine Geschichte, keine Erzählung, aber der Maler bereitet das visuell auf, was ihn bewegt und was er in der Welt vorfindet. Er schafft Malerei aus persönlichen Motiven. In der Kunsthalle Bielefeld ist Bunk, 1954 in Essen geboren, neben Andreas Schulze, Jahrgang 1955, in einer Doppelausstellung zu sehen.

Beide Künstler zählen zu einer Generation, die Anfang der 1980er Jahre dem vorherrschenden Minimalismus und der Konzeptkunst ihre Bilderfindungen entgegenhielten. Visuelle Lösungen waren ihr Anliegen, eine Form der Selbsterfahrung und Liebhaberei – nicht Reduktion des Realen.

In Bielefeld wird an diese Umbruchzeit erinnert. „Hunger nach Bildern“ lautete ein Buchtitel von 1982, der ein Bedürfnis in Stellung brachte. Die Künstlergruppen „Mühlheimer Freiheit“ (Köln) mit Peter Bömmels, Walter Dahn, Georg Jiri Dokoupil und „Junge Wilde“ (Berlin) mit Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé zählten zu den Anstiftern. Kunsthallendirektor Friedrich Meschede erinnert an den Wendepunkt, als Georg Baselitz 1981 expressive Skulpturen auf der Biennale in Venedig ausstellte. Kaspar König kuratierte Ausstellungen in Köln („Westkunst“) und in Düsseldorf, wo der Titel „...von hier aus“ (1984) an einen weiteren Anstifter erinnerte: Joseph Beuys. Dabei waren auch Holger Bunk und Andreas Schulze, die an der Düsseldorfer Akademie studiert hatten.

Holger Bunk arbeitet nicht mit kräftigen Farben, die mythisch aufgeladen sind, wie die Künstler der „Leipziger Schule“. Bunk öffnet mit einer hellen Farbpalette den Bildraum. In seinem großen Format „Flughafen (Kommentar)“ von 2007 konzentrieren sich Männer auf Monitore und Schaltpulte, während sich hinter ihnen eine Topografie aus Gebäuden und Fahrbahnen erstreckt. Das Flugfeld geht in die weite Welt hinaus, und Bunk porträtiert sich am unteren Bildrand mit fragender Miene. Vielleicht wird doch mehr kontrolliert als nur Starts und Landungen?

Bunk, der an der Kunsthochschule in Stuttgart unterrichtet und den Conrad-von-Soest-Preis (1998) trägt, ist der Bezug zum Alltag wichtig. Aber ist er dann schon ein Entertainer oder doch bloß Maler? Die Spannung in seinen Bildern rührt aus Fragen, die er mit Humor ins Bild setzt. Langeweile ist beispielsweise ein Thema, das er in Porträts verarbeitet hat. In Bielefeld sind Beispiele von 2010 bis 2017 zu sehen. Sein Kopf ist vor Kirschblüten gemalt, die in Japan Jahr für Jahr immer wieder fotografiert werden. Bilder ohne Ende – langweilig. Oder der Formel-1-Pilot, der auf einer Helikopterplattform in Dubai hoch über der Stadt seinen Rennwagen kreiseln ließ. Wer braucht das? Bunk reagiert malerisch auf Aktuelles, und er wundert sich eben, wenn junge Leute sich zur Cannstatter Wasen mit Dirndl und Zopffrisuren aufbrezeln wie zum Oktoberfest in München. Zu seiner Zeit wäre das als „völkisch“ abqualifiziert worden, sagt er. Aber die Zeiten ändern sich.

Auch für ihn, denn in zweieinhalb Jahren will der Künstler mehr Zeit in Soest verbringen, wo er derzeit ein Atelierlager führt. Bunk schätzt die alte Kunst und die „fantastischen Kirchen“ der Stadt. „Wir haben Soest sehr gern“, sagt er und schließt seine Frau mit ein, die in Amsterdam wohnt. Die Ruhe und die gute Luft will er dann genießen und das erweiterte Museum Wilhelm Morgner („Man kommt hier nicht zu kurz“).

In Bielefeld wird noch ganz zentral an Bunks Anfänge erinnert, als er 1981 nach Basel geladen wurde und seine Bilder vor einem Haus („Hammerfassade“) aufhängte. „Ballermann“ (1979) zählte auch dazu. Damals hatte der Künstler Konterfeis von Waffenliebhabern in Schwarzweiß gemalt, die alle in einem US-Waffenmagazin vorkamen. Sie umkreisen nun den Arm des Schützen. Bunk arbeitet mit plakathaften Motivstrategien („Neuruppiner Bilderbogen“) und ist von der Pop-Art beeinflusst.

Die Kunst von Andreas Schulze war Anfang der 1980er Jahre noch von seinem Lehrer Dieter Krieg expressiv inspiriert. Das herrliche Großformat „Ohne Titel“ (1981) hängt in Bielefeld. Es reißt die Elemente einer klassischen Bergansicht förmlich an, so impulsiv führt Schulze den Pinsel. Dies Genre ist mit malerischer Verve vorgetragen und wirkt gleichzeitig erledigt.

Daneben ist ein anderes künstlerisches Genre nahezu ausgeformt und stillgelegt. „Ohne Titel (Garten)“ von 2017 bringt die Parzelle hinterm Haus in eine komponierte Ordnung, die jedem Baum und jedem Gewächs eine dosiert farbige Definition und ein Formmodul mitgibt. Andreas Schulze beruhigt und erstaunt zugleich mit dieser Malweise, die sein homogenes Werk charakterisiert. Schulze, der seit 2008 Professor für Malerei in Düsseldorf ist, liebt Formen und Architektur. Deshalb realisiert er Menschenbilder mit farbigen Kreisen. Sein Porträt „Ohne Titel (mie)“ von 2017 zählt dazu. Der Künstler versucht den Betrachter in seine strukturierte Bildwelt zu ziehen, die sich wie ein Fenster auftut. Kurator Nils Emmerichs sagte in Bielefeld, er habe noch nie gesehen, dass Schulze ein Bild übermalt hat. Dagegen versorgt er Berglandschaften mit Dreiecken in feinen Grautönen und zeigt, dass die Kohlezeichnung den Ausblick als romantisches Sujet ganz emotionslos anstimmt: „Ohne Titel (Haus)“, 2017.

Auch Schulzes Malerei, das ist ein Motiv der Ausstellungsmacher, soll neubewertet werden, und Bielefeld bietet dafür den Blick aufs Gesamtwerk.

Die Schau

Zwei malerische Positionen aus Umbruchzeiten, die nebeneinander gezeigt, Strategien bildnerischer Arbeit noch augenfälliger machen. Sehr sehenswert.

Holger Bunk. Ballermann. Andreas Schulze. An Aus Laut Leise. in der Kunsthalle Bielefeld. Bis 3. Juni; di-so 11 – 18 Uhr; mi bis 21 Uhr, sa 10 – 18 Uhr; Katalog in Vorbereitung; Tel. 0521/32999 500

www.kunsthalle-bielefeld.de

Quelle: wa.de

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