Hoesch-Museum erinnert an eigene Geschichte: Hoesch maritim

Überragende Architektur: Das Hafenamt im Dortmunder Stadthafen ist auf der historischen Fotografie von 1924 zu sehen. Das Hoesch Museum zeigt die Ausstellung „Hoesch maritim“. Foto: cekade-archiv, andreas meeder

Dortmund – Drei Jungs machen auf dicke Hose und posen vor dem wuchtigen Sockel des Hafenamtes in Dortmund. Ausgelassen und übermütig wirken sie. Die Privatfotos zeigen die menschliche Seite eines wirtschaftstechnischen Themas, das im Hoesch-Museum präsentiert wird: „Hoesch maritim“.

Zur Geschichte des Eisen- und Hütten-Unternehmens gehört das Engagement für den Dortmunder Hafen und den Kanalausbau bis zur Nordseeküste. Hoesch war schrittweise ab Ende des 19. Jahrhunderts an Häfen, Reedereien und Werften beteiligt, um den Transport von Rohstoffen und Produkten zu gewährleisten. Die Ausstellung stellt sich diesem weitverzweigten Themenkomplex. Die Exponate für „Hoesch maritim“ hat Hans Wacha zusammengestellt, der außerdem eine Info-Broschüre verfasst hat und mit der Museumsleiterin Isolde Parussel die Präsentation konzipierte: „Von Stahlprodukten, Wasserstraßen und Schiffbau“.

Leopold Hoesch gründete mit seinen Söhnen 1871 die Westfalenhütte in Dortmund. Der Unternehmer hatte bereits in der Eifel erfolgreich Eisen produziert. Hoesch sollte später das Montanunternehmen Union und die Hörder Hüttengesellschaft (Phoenix) übernehmen. Die Ausstellung präsentiert ihre Objekte unter dem Firmennamen Hoesch.

Der Hafen Hardenberg, Firmenhafen der Union, wurde in den 1890er Jahren auf Hoeschs Initiative ausgebaut. Das Hafenamt, von Stadtbaurat Friedrich Kullrich 1898 als wuchtige Landmarke mit Neorenaissance-Turm errichtet, ist neben einer Fotografie von 1924 auch auf einer dreiteiligen Grußkarte zu sehen. Der erweiterte Hafen mit fünf neuen Becken bot Platz für Frachtschiffe und Schubkähne. Es wurde mehr Erzgestein aus Schweden benötigt, wollten die Dortmunder Eisen- und Hüttenbetriebe nicht der Konkurrenz am Rhein nachgeben. Duisburg-Ruhrort lag verkehrstechnisch günstiger.

Die Häuser der Unionssiedlung im Hafen sind ebenfalls auf der Zeichnung zu sehen. Bereits seit 1870 lebten hier Angestellte der Union. Im zweiten Weltkrieg schwer getroffen, wurde die Werkssiedlung nach 1945 abgerissen, um noch mehr Platz für den Hafen zu schaffen. Es ging in den 50er Jahren wieder aufwärts. Hoesch brauchte die Kapazitäten, so dass die Unionssiedlung beim Wiederaufbau vernachlässigt wurde und in der Stadt bald als entbehrlich galt. Hoeschs Firmeninteressen wurden schnell von Lokalpolitikern getragen und zur städtischen Wirtschaftspolitik. Auch das erzählt die engagiert eingerichtete Ausstellung, die die Themen oft nur mit wenigen Exponaten berührt.

Vor allem 1899 feierte sich die Stadt Dortmund. Das neue Schiffshebewerk in Henrichenburg wurde eröffnet. Kaiser Wilhelm II. war zu Gast. Das Hebewerk galt als Tor zur Nordsee, denn über den Dortmund-Ems-Kanal gelangten die Lastkähne bis nach Emden. Die Denkschrift von 1894, in der Hoesch den Hafen- und Kanalausbau für die Kohle- und Hüttenwirkschaft als unverzichtbar erklärte, ist in der Austellung zu sehen. Auch regionale Aspekte werden aufgeführt, wie der Einkauf und Transport von Holz für die Bergwerke. Die Menschen mussten mit Lebensmitteln aus dem Münsterland und Norddeutschland versorgt werden. Das Ruhrgebiet expandierte.

Bereits um das Jahr 1900 glänzte Dortmund mit seinen Verkehren auf Straße, Schiene und Kanal. Die Hafen-Initiative von Hoesch sicherte den Industriestandort im östlichen Ruhrgebiet. Dortmund entwickelte ein neues Selbstverständnis, das sich auch der eigenen Geschichte bewusst wurde. Die Reviermetropole hatte als freie Reichs- und Hansestadt bereits im Mittelalter Größe entwickelt.

Die Präsentation galoppiert dabei durch die Jahrzehnte. Für das 1969 stillgelegte Schiffshebewerk bot sich bereits 1962 eine moderne Alternative. Heute ist die aktuelle Hebevorrichtung (1989 noch ausgebaut) defekt – ein strukturelles Problem.

In einer Vitrine zählen Prospekte und Lieferprogramme auf, was Hoesch für den Schiffsbau anbot: 1902/06 gab es Stahl für Panzerkreuzer, Postdampfer und den japanischen Kreuzer „Yukuno“ (3400 Tonnen). 1939 lieferten die Dortmunder Schiffsprofile in acht Güteklassen – auch für U-Boote. Schiffsanker wurden bei der Union ab 1896 hergestellt.

Eine Repro-Fotografie zeigt Saisonarbeiter beim Kanalbau in Henrichenburg um die Jahrhundertwende. Neben Niederländern waren vor allem Italiener seinerzeit im Tunnel-, Schacht- und Bahnbau beschäftigt, wie auch auf Ziegeleien hierzulande.

1897 wurde die Reederei WTAG gegründet, die eigene Schiffstypen für den Kanaltransport entwickelte. Eine Reederei für Seeschiffe wurde von 1921 bis 1984 geführt: die „Frigga“. Ab 1972 war Hoesch an drei Schiffswerften in der Nordsee beteiligt.

Hoesch spezialisierte sich auf besondere Stahllegierungen. Für einen Flüssiggastanker entwickelten Ingenieure ein Nickel-Stahl-Mischung, die extrem niedrige Temperaturen tolerierte – minus 160 Grad. Auf einem Bild von 1968 ist der Tanker zu sehen.

Kanalschiffe im Modell, Schubkähne und Schlepper, Hafenansichten als Pastellzeichnung und in Ölfarben von Ria Picco-Rückert gemalt („Hafen Hardenberg“, 1950) belegen, wie lebensnah die Schwerindustrie war und mit welchen Mitteln Industriegeschichte zu Erinnerungskultur wurde.

Kurios mutet ein Modell von 2010 an, das nachstellt, wie im Werkshafen 1957 mit einem Floß aus Eisenröhren Schüttgut transportiert wurde. Über eine Verladerampe wurde das Transport-Floß auf Achsvorrichtungen der Bahn verschoben. Der Amphibienverkehr aus der Hoesch-Entwicklungsabteilung funktionierte, war aber letztlich zu kostspielig.

Verschiedene Erzgesteine sind im Hoesch Museum zu sehen. Ein Stück Spundwand aus Holz, das 1984 geborgen wurde, wirkt erstaunlich unbeschädigt. Und vor dem Gebäude sind Produkte der Firma Anker Schroeder ausgestellt: ein Schäkel für Schiffstrosse, ein Poller für Schiffsanleger und ein Anker. 1920 war das Unternehmen gegründet worden, um Ankerstücke für Spundwände an Hoesch zu verkaufen. Gründer Schroeder war Hoesch-Ingenieur und hatte sich selbstständig gemacht. Spundwände für Kanäle und Küstensicherung – wie zuvor Schienen für die Bahn – waren ein einträgliches Geschäft. Die Befestigungssysteme für Spundwände sind in Dortmund ausgestellt. Hoesch bot zwei Techniken an.

Die Ausstellung bietet Firmen- und Wirtschaftsgeschichte. 1991 hatte der Essener Krupp-Konzern heimlich Hoesch-Aktien erworben (feindliche Übernahme) und das Ende des Dortmunder Unternehmens eingeleitet. Der Stahlkonkurrent wurde vom Markt genommen, als die Stilllegung der Hochöfen und des Stahlwerks in Hörde 1998 bekannt wurde.

Bis 27. 10.; di/mi 13 – 17 Uhr; do 9 – 17 Uhr; so 10 – 17 Uhr; Tel. 0231/8445856; www.hoeschmuseum. dortmund.de

Quelle: wa.de

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