Museum Folkwang startet Bauhaus-Reihe mit Lyonel Feininger

Lyonel Feiningers Ölgemälde „Gelmeroda IX“ (1926) ist im Museum Folkwang in Essen in der Ausstellung „Bauhaus am Folkwang“ zu sehen. Fotos: VG bildkunst, Bonn 2019

Essen Diese Kirche ließ Lyonel Feininger nicht mehr los. Neben Gebäuden, Schiffen und Brücken zählte das Gotteshaus in Gelmeroda (Thüringen) zu den favorisierten Motiven des Künstlers, mit denen er sich immer wieder beschäftigte. Feininger war 1906 ins Weimarer Umland gefahren, weil Julia Berg, seine zweite Frau, an der Großherzoglich-sächsischen Kunstschule der Klassikerstadt Unterricht nahm. Aus der Dorfkirche entwickelte er in seinem Gemälde „Gelmeroda IX“ (1926) eine kathedralenartige Vision.

In farbigen Prismen verschob der Künstler das Gebäude, spannte Flächen auf und verdichtete es gleichzeitig zum Symbol einer geistigen Transzendenz, eines Übergangs. Das Gemälde stimmt auch mit den winzigen statuarischen Menschen davor auf eine neue Zeit ein, ohne konkret zu werden. Von Feiningers Kernmotiv gibt es nur ein Gemälde auf Leinwand in Deutschland. Das Museum Folkwang hat um „Gelmeroda IX“ eine Kabinettausstellung mit Holzschnitten, Zeichnungen, Fotografie, Kleinplastik und Gemälden von 1910/11 bis 1929 aus eigenem Besitz gruppiert: „Bauhaus am Folkwang: Lyonel Feininger“.

Insgesamt sind in Essen 33 Werke zu sehen, die Feiningers Entwicklung vom Karikaturisten und illustrativen Künstler zum Maler und Bauhausmeister nachvollziehen. Das Haus eröffnet mit der Schau auch eine dreiteilige Reihe. „Bauhaus am Folkwang“ stellt mit „Bühnenwelten“ und „László Moholy-Nagy“ noch zwei Präsentationen im Jahresverlauf vor. Widmet sich die eine Schau der Bewegung und dem Spielerischen, wird die andere auf die neuen Medien mit Fotografie und Film eingehen.

Museumsdirektor Peter Gorschlüter will aufzeigen, welche Verbindungen es zum Bauhaus gab. Die staatliche Schule für Gestaltung feiert ihr 100-jähriges Jubiläum in diesem Jahr. Karl Ernst Osthaus, Gründer des Museum Folkwang in Hagen, war mit dem Architekturstudenten Walter Gropius befreundet. Er schlug Gropius als Nachfolger für Henry van de Velde vor, der die staatliche Kunstschule in Weimar führte, bevor sie in der Nachfolge zum Bauhaus wurde. Osthaus und Gropius strebten die Einheit der Künste an und wollten die Kunstausbildung reformieren. Zum Ende des Jahres publiziert das Hagener Museum Osthaus die 400 Briefe umfassende Korrespondenz zwischen den modernen Kunstmanagern.

In Essen, wohin das Museum Folkwang nach Osthaus’ Tod 1921 wechselte, sind Bauhaus-Bestände entwickelt worden. Von Feininger gibt es 60 Papierarbeiten, eine Spielzeugstadt und vier Gemälde. 1931 fand eine Einzelausstellung zu Lyonel Feininger (1871–1956) statt. Bereits 1919 stellte der in New York geborene Künstler im Hagener Museum Folkwang aus, bevor er von Gropius zum ersten Bauhausmeister berufen wurde. Die erste Mappe (Auflage 50), die das Bauhaus 1920 herausgab, ist in Essen zu sehen. Von den zwölf Holzschnitten Feiningers sind vier ausgelegt. Der Künstler, der in Paris Robert Delaunay kennenlernte und Kontakt zum Künstlerkreis um Matisse bekam (1906–1908), galt vielen als Kubist. Zur Skepsis im provinziellen Weimar, was das staatliche Bauhaus betraf, kam das Schreckbild eines „Werwolfs, der sich auf die Schüler stürzen“ würde. Feininger zeigte in der Mappe eine Brücke mit Lokomotive, eine Kirche im Wald, Segelschiffe („Zur Ausfahrt bereit“) und „Regentage am Strand“. Der Künstler hatte sich dem Holzschnitt neu zugewandt und er betrieb mit den Blättern Imagepflege in eigener Sache.

Die Ausstellung, die von Nadine Engels kuratiert wurde, zeigt mit Blättern wie „The Gate“ (1912) das illustrative Schaffen Feiningers, der mit dieser Radierung das Stadttor von Ribnitz zu einem lebhaften Ort machte. Die Chicago Tribune war sein Abnehmer. Vorher verkaufte er humorige Motive und politische Karikaturen in Berlin.

1913 stellt er in der Berliner Galerie „Der Sturm“ bei Herwarth Walden aus. Seine Malerei „Leuchtbake 1“ (1913) türmt Land und Meer in einer kubistisch-dramatischen Komposition auf. Der Mensch ist nur als kleine „Rückenfigur“ notiert. Feininger thematisiert die Naturgewalten und knüpft an die Tradition der Romantik an. Mit seinem abstrahierenden Zugriff fokussiert er letztlich auf ein Motiv, das er überhöht wie die Kirche in Gelmeroda. Im gleichnamigen Holzschnitt von 1920 konturiert er das Bauwerk und löst es gleichsam in Strukturelemente auf. Vor allem die fünf Grafiken zu Gelmeroda und das Aquarell (1927) sind ganz hinreißende Beispiele seiner Kunst. Das Gemälde „Mellingen“ (1915) ist ein frühes Beispiel, wie Feiningers Flächenkonzept die Autorität des Gotteshauses angeht und auf eine neue Art befragen will.

Feininger gelingt in seinen Werken ein Mehrklang aus Mensch, Natur und Technik. Ihm ging es um das Geistige in der Kunst („Menschen, die Sehnsucht kennen, die verstehen mich“). Als Leiter der Druckerei in Weimar (1921–1925) zog er sich vom Lehrbetrieb in Dessau zurück, blieb aber Meister am Bauhaus.

Bis 14. 4.; di, mi 10–18 Uhr, do, fr 10–20 Uhr sa, so 10–18 Uhr; Tel. 0201 / 88 45 444; www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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