Hélène Grimaud beim Klavierfestival Ruhr in Essen

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Gefeiert beim Klavierfestival Ruhr in Essen: Hélène Grimaud und Dirigent Manfred Honeck ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN–Als Virtuosin betätigt sich Hélène Grimaud nur einmal. Die Kadenz des ersten Satzes von Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur (op. 58) beschließt sie mit hochrotem Kopf. Nicht, dass sie sich hier hätte verausgaben müssen, technische Herausforderungen bleiben spurlos. Aber Hélène Grimaud bebt mit der Dramatik der gewaltigen Musik, die sie am Ende doch wieder in ruhigere Stimmungen zurückführt.

Beim Klavierfestival Ruhr absolvierte die französische Pianistin in der Philharmonie Essen mit dem WDR-Sinfonieorchester unter Manfred Honeck ein stürmisch gefeiertes Beethoven-Programm. Grimauds Auftritt wurde dabei von den Rundfunkmusikern gerahmt mit einer wohltuend trockenen „Coriolan“-Ouvertüre und einer furiosen Sinfonie Nr. 7 A-Dur.

Grimaud spielt wie für sich, wenn sie – mit gesenktem Kopf, das Gesicht hinter den Haaren ganz verborgen – das Hauptthema behutsam anschlägt. In ihre Einsätze taucht die 41-Jährige geradezu ab. Trotzdem pulsiert ihr Dialog mit dem von Honeck äußerst energisch geführten Orchester. Im zweiten Satz des G-Dur-Konzerts lässt Honeck das Tutti-Thema wuchtig vorlegen. Grimaud antwortet höchst expressiv und behält diesen grüblerischen, gedämpften Gestus bei, auf den sich auch das Orchester immer mehr einlässt, bis das Andante con moto schließlich zum Stillstand kommt. Grimauds Kopf sinkt fast bis auf die Tasten. Im Rondo findet sie dann eine andere lyrische Spielart: spritzig, feingliedrig, trotzdem schlicht. Grimauds Anschlag ist dabei auch in den feinsten Linien präsent, ihr Spiel bleibt ausdrücklich und deutlich, ihr Ton weicht nie aus ins Ungefähre.

Die Pianistin ist auch in ihrer Körpersprache kein Gegenpart, sondern Teil des sinfonischen Ganzen: Auf dem Hocker biegt und wiegt sie sich mit der Musik, auch wenn sie gerade pausiert. Als der Applaus aufbrandet, dreht sie sich als erstes nach links zum Orchester und bedankt sich hier, bevor sie sich in Richtung Parkett verbeugt. Von dem angeblichen Eigensinn der einstigen Wolfs-Züchterin ist nichts zu spüren; Grimaud ist einfach eine charismatische Musikerin.

So sehr sie sich auch versenkt in die Musik, ihre Interpretation bewahrt einen sachlichen Kern. Sie verliert sich nicht in Beethovens düsteren Passagen, aber sie lässt auch kein pastelliges Idyll aufschwärmen. Diese Festigkeit ergänzt sich aufs Beste mit dem Werkverständnis Honecks, der Kontraste schärft und Effekte abruft. Im vierten Satz von Beethovens Siebter etwa lässt er so forsch streichen, dass es nach Tschingderassabum klingt.

WDR 3 sendet einen Konzertmitschnitt am 2. August, 20.05 Uhr.

Quelle: wa.de

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