Historikerin Ilona Stölken über deutsche Auswanderer in New York

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Dexter Gordon, Tenorsaxophonist, mit den Musikverlegern Alfred Lion (links) und Francis Wolff (rechts), um 1965.

Von Achim Lettmann -  Wie war das damals, als Deutsche in die Neue Welt auswanderten? Nach New York, zum Beispiel. Sind ihre Ziele vergleichbar mit der Existenznot afrikanischer Flüchtlinge, die im Mittelmeer aufgegriffen werden? Oder gäbe es Stoff für eine Fernseh-Reihe: „Good bye, Deutschland“ (Vox) oder „Mein neues Leben“ (Kabel Eins)?

Im 19. Jahrhundert waren die USA ein offenes Einwanderungsland. Das gibt es heute nicht mehr. Die Historikerin Ilona Stölken, die lange in New York für die UNO gearbeitet hat, greift einen kleinen Teil dieser Geschichte auf. Ihr reich bebilderter Band „Das deutsche New York“ (Lehmstedt Verlag) ist eine Spurensuche, die allerdings nicht die nationale Geschichtsschreibung verlängert, sondern detailreich und klug erläutert, wie politische, soziale und ökonomische Geschichte funktionierte. Dabei müssen ihre Erklärungen global sein, denn bereits im 19. Jahrhundert, die Ära der Nationalstaaten in Europa, forcierte die supranationale Wirtschaft Wanderungsbewegungen der Menschen.

Nachdem Napoleons Kontinetalsperre aufgehoben war, kamen ab 1815 günstige Waren aus dem industriell entwickelten England nach Deutschland. Diese Produkte setzten Handwerker unter Druck. Gerade aus Baden, Württemberg, der Pfalz, Franken und Hessen gingen sie über Le Havre, Rotterdam, Antwerpen und Bremen in die USA. Außerdem behinderte die deutsche Kleinstaaterei wirtschaftliche Prosperität. Missernten (Kartoffelfäule) erschwerten Leben und Versorgung zusätzlich. Briefe aus Amerika, die Ausgewanderte in die Heimat schickten, belegten, dass das Essen in den USA reichhaltiger war. Aufgrund dieser Lebensalternative fanden „Kettenwanderungen“ statt, einer lockte den anderen, Familien gingen nach und nach.

Frei und selbstständig wollte man sein. Ab 1830 wurden Auswandererführer publiziert, die den Weg in die Neue Welt versachlichten. Die Zahl der Revolutionäre, die 1848/49 in Berlin und Wien scheiterten und deshalb emigrierten, war aber kleiner als oft vermutet. 1854 gingen 215 000 Deutsche. Die Wanderungsbewegung erreichte 1882 ihren Höhepunkt: 250 000 Deutsche reisten in die USA.

New York war ihr erstes Ziel, weil die Stadt nach 1825 zur Handelsmetropole der Ostküste aufstieg. Der Eriekanal war fertiggestellt und verband den Hudson River über 350 Kilometer mit den großen Seen des Mittleren Westens. Die Waren gingen nach Europa, und die Schiffe nahmen Iren, Deutsche, Engländer, später Polen und Russen mit zurück. Die alten Paketsegler, die „20 Passagiere und 200 Aussiedler“ transportierten, hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgedient. Statt acht bis zwölf Wochen brauchten die Dampfschiffe nur noch 14 Tage bis New York. Sie boten Schlafsäle, Krankenzimmer, Waschräume, Verpflegung.

Der Weg nach New York war ein gutes Geschäft. Bremen wurde Einschiffungshafen Nummer eins in Europa. Hier gab es ab 1850 Quartiere für Auswanderer, keine Wucherpreise für die Unterbringung. Feste Fahrpläne verringerten die Wartezeit an der Nordseeküste. Vorher hatte jeder Kapitän entschieden, wann er in See stach. Mit Anzeigen und Büros in Süddeutschland bot die Bremer Bürgerschaft ein Reiseprodukt an. Hamburg kopierte das System.

In New York bildeten die Deutschen die erste große nichtenglischsprachige Einwanderergruppe. 1855 leben 154 000 Deutsche in New York. „Little Germany“ auf der Lover East Side in Manhattan war die drittgrößte deutschsprachige Metropole nach Wien und Berlin.

Die „Deutsche Gesellschaft der Stadt New York“ (seit 1784) half den Neuankömmlingen bei der Weiterfahrt oder bei der ersten Bleibe. Vor allem die sogenannten „runners“ täuschten die Einwanderer mit gefälschten Fahrkarten gen Westen.

Viele Handwerker waren willkommen, aber nach dem Bürgerkrieg (1861–65) rutschten sie sozial ab und waren nur als Handlanger gefragt. Auch die Zeit der deutsch-jüdischen Krämerläden, die um 1850 noch 40 Prozent des Einzelhandels in New York kontrollierten, ging zu Ende.

Ilona Stölken bringt uns die Deutschen näher, wenn sie über Vereinskultur berichtet. Der New Yorker Turnverein (1857) hatte eine Turn Hall, die heute noch an der East 4th Street, Nr. 66-68, steht. Vergnügen boten der „Deutsche Volksgarten“ und „Lindenmüller’s Odeon“ mit Bierausschank, Konzerthalle, Theater und Kegelbahnen. Ausgiebige Feste und Umzüge kannten die Amerikaner nicht. Aus den frühen Unterstützungsvereinen, die bei Krankheit und Todesfall halfen, entstanden Versicherungen und Banken. Das Gebäude der „Germania Bank“ steht heute noch an der Ecke Bowery/Spring Street. Ein Kapitel geht auf deutsches Bier ein, das im Stadtteil Brooklyn gebraut wurde. Musik, Arbeiter und jüdische Emigranten sind weitere Themen.

Die Deutschen verließen nach 1879/80 die Lover East Side. Über die neue Hochbahn und Brooklyn-Bridge war man mobiler. Der Wohnwert stieg erst nördlich der Houston Street. Italiener und Osteuropäer ließen sich nun in der Lower East Side nieder.

Und die Deutschen amerikanisierten sich. Denn ohne Sprachkenntnisse blieben auch die Geschäfte aus. Heinrich Steinweg aus dem Harz ging noch mit 53 Jahren nach New York und lernte nie Englisch. Ab 1859 waren seine Pianos spitze, weil er mit seinem Bruder neue Techniken einsetzte und einen vollen Klang erzielte. Mit der nächsten Generation expandierte die Marke Steinway.

Deutsche Gewerkschaften verzichteten auf sozialistische Gesellschaftsziele und konzentrierten sich auf Lohnforderungen. Mit dem Eintritt der USA 1917 in den 1. Weltkrieg strichen viele Institutionen das „German“ aus ihrem Namen. Wer war ein guter Amerikaner? „Little Germany“ wurde „History“.

Nach 1933 flohen viele Intellektuelle aus Hitlers III. Reich nach New York, wie die Berliner Juden Alfred Löw und Frank Wolff. Die Jazzbegeisterten gründeten das Plattenlabel „Blue Note“. Lion und Wolff schrieben amerikanische Musikgeschichte.

Ilona Stölken: Das deutsche New York. Eine Spurensuche. Lehmstedt Verlag, Leipzig. 279 S. mit 180 z. T. farbigen Abbildungen. 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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