Historiker untersuchen Berlin als NS-Stadt

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Marschierende SA-Truppen feierten am 30.1.1933 die Machtübernahme der Nazis in Berlin.

Von Jörn Funke BERLIN - Das „Dritte Reich“ begann und endete in Berlin. Am 30. Januar 1933 zogen die braunen Kolonnen massenwirksam durch das Brandenburger Tor; im Mai 1945 hissten Rotarmisten ihre Fahne auf dem zerschossenen Reichstagsgebäude. Skurrilerweise sind beide Szenen vor allem durch nachgestellte Film- und Fotoaufnahmen präsent. Welche Bedeutung die Hauptstadt abseits dieser Symbolik für die Nationalsozialisten hatte, ergründen Michael Wildt und Christoph Kreutzmüller, zwei Historiker der Humboldt-Universität, in einem Sammelband.

Die 22 Autoren entwerfen das Bild einer widersprüchlichen Gesellschaft in der Reichshauptstadt. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Frage, wie sich die NSDAP in der „roten Hochburg“ Berlin etablieren konnte. Die Hauptstadt war in der Weimarer Republik als „Sündenpfuhl“ verschrien und stand für alles, was die Nazis hassten. Doch neben den proletarischen Massen gab es auch eine rechtsextreme Szene – und in den bürgerlichen Vierteln auch einen nennenswerte Wählerbasis. Im besonders konservativen Bezirk Steglitz, in dem viele Militärs wohnten, überschritt die NSDAP in Berlin 1929 die Zehn- und 1930 die 20-Prozent-Marke.

Wichtig war Berlin für die Partei als Symbol. Gauleiter Joseph Goebbels brachte die „Bewegung“ durch die Inszenierung von Gewalt in die Schlagzeilen – mit Signalwirkung für das gesamte Reich. Für die SA-Männer, die in den Straßenkampf gegen Sozialdemokraten und Kommunisten zogen, zählte der „Erlebnischarakter der kollektiven Gewaltausübung“, wie es im Beitrag von Daniel Siemens um den NS-Mythos vom „Kampf um Berlin“ heißt. Die Weltwirtschaftskrise spielte den Nationalsozialisten weiter in die Karten: Die SA bot eine Rundumbetreuung für erwerbslose Männer.

Möglich war die schlagartige Durchsetzung der NSDAP in Berlin 1933 nicht zuletzt durch die autoritäre Ausrichtung der gesamten Arbeiterschaft, schreiben Kreutzmüller und der Potsdamer Zeithistoriker Rüdiger Hachtmann. Der Anteil der „wirklichen Linken“ sei zu gering gewesen, um den Schwenk nach rechts aufzuhalten – zumal die Gewerkschaften bereits im April 1933 vor den Nazis kapitulierten.

Nicht minder interessant ist ein Blick ins bürgerliche-protestantische Milieu, das Manfred Gailus beschreibt. So feierten die nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ (DC) wenige Tage nach der „Machtergreifung“ Dankgottesdienste in der Marienkirche und im Dom. Gott selbst habe den „Führer“ gesandt, war die Lesart der DC-Pfarrer, gegen die sich die „Bekennende Kirche“ stellte. Auch deren Vertreter waren froh, die „gottlose“ Weimarer Zeit überwunden zu haben, schreibt Gailus, wollten sich aber nicht von einer völkischen Reichskirche vereinnahmen lassen.

Der Sammelband mündet im Untergang des „Dritten Reiches“ und seiner Hauptstadt im Bombenhagel und im Straßenkampf. Inwieweit sich die Berliner für den „Totalen Krieg“, den Goebbels am 18. Februar 1943 im Sportpalast ausrief, noch mobilisieren ließen, bleibt ungeklärt. Der Potsdamer Historiker Thomas Schaarschmidt verweist sowohl auf die gewaltige Resonanz, die die Wintersammlung für Wehrmachtssoldaten in Russland erfuhr als auch auf den völligen Fehlschlag des „Feldzugs zur Leistungssteigerung“ in der Rüstungsindustrie.

Berlin 1933-1945. Hg. von Michael Wildt und Christoph Kreutzmüller. Siedler-Verlag: München . 496 S., 24,99 Euro.

Quelle: wa.de

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