Historiker Orlando Figes über den Krimkrieg

Von Jörn Funke ▪ Am 25. Oktober 1854 griff die britische Kavallerie in der Schlacht von Balaklava auf der Krim russische Stellungen an. Die Briten hatten sich schlecht abgesprochen, sie attackierten an der falschen Stelle, verloren im Feuer der Russen fast die Hälfte ihrer Leute und erreichten trotzdem die gegnerischen Linien. Die selbstmörderische Aktion wurde zum Inbegriff des heroischen Opfers und zur bekanntesten Episode des Krimkriegs, der von 1854 bis 1856 tobte und eine dreiviertel Millionen Soldaten das Leben kostete.

Der britische Historiker Orlando Figes beschreibt die Ereignisse in seinem Buch „Krimkrieg“, dem er den Untertitel „Der letzte Kreuzzug“ gegeben hat. Der Konflikt entstand demnach aus machtpolitischem Kalkül wie aus religiöser Überzeugung – und das klingt auch heute noch recht vertraut. Zar Nikolaus I. sah sich als Schutzherr der orthodoxen Christenheit und wollte Istanbul, das frühere Konstantinopel, für das Christentum zurückerobern. Dem bedrohten Osmanischen Reich standen Großbritannien und Frankreich zur Seite, die eine Ausdehnung Russlands nach Süden verhindern wollten. Sie schickten erst Schiffe und dann auch Landstreitkräfte.

Figes zeigt die Entwicklung des west-östlichen Gegensatzes, die noch aus der Zeit der napoleonischen Kriege stammende Russenfeindlichkeit in Westeuropa und die kriegstreibenden Kampagnen der westlichen Presse. Der aufstrebende britische Mittelstand wollte seine Werte in der Außenpolitik repräsentiert sehen. Das autokratische Russland stand für alles, was liberale Briten ablehnten. In Frankreich war die Kriegsbegeisterung nicht so groß, doch Kaiser Napoleon III. sah den Feldzug gegen die Russen als Gelegenheit, seine Macht zu festigen. Das Ziel der Alliierten, die sich noch 40 Jahre zuvor in Waterloo gegenüber gestanden hatten, war der Marinehafen Sewastopol auf der Krim. Die Belagerung der 40 000- Einwohner-Stadt entwickelte sich zum einjährigen Stellungskrieg, der die Hölle des Ersten Weltkriegs vorwegnahm. Die militärischen Führer machten dabei auf beiden Seiten so viele Fehler, dass das Vertrauen in das adelige Offizierkorps schwer erschüttert wurde.

Auszeichnen konnten sich andere: Der Dichter Alfred Tennyson schuf mit dem „Angriff der Leichten Brigade“ eines der populärsten englischen Gedichte. Die Krankenschwester Florence Nightingale organisierte öffentlichkeitswirksam die Verwundetenversorgung. Der „Times“-Journalist William Russel wurde zum ersten Kriegsberichterstatter der modernen Geschichte. Und Leo Tolstoi sammelte als russischer Artillerieoffizier Material, das später in „Krieg und Frieden“ eingehen sollten.

Orlonda Figes beschreibt den Krieg aus britischer, französischer, russischer und türkischer Sicht, er lässt gemeine Soldaten genauso wie Offiziere und Diplomaten zu Wort kommen; das gelingt ihm in lebendiger Erzählung. Nicht nur das eigentliche Kampfgeschehen, auch der Weg in den Krieg und die Nachwirkungen werden akribisch aufgearbeitet und eingeordnet. Gebracht, so Figes, haben die Anstrengungen und Opfer den drei großen Mächten nichts.

Orlando Figes: Krimkrieg. Der letzte Kreuzzug. Deutsch von Bernd Rullkötter. Berlin Verlag. 747 S., 36 Euro

Quelle: wa.de

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