Historiker Karl Ditt spricht über Westfalen

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Karl Ditt, Jahrgang 1950, stammt aus Berlin. Er studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Münster, Göttingen und Bielefeld und forscht am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster über die Arbeiterbewegung und die Kultur in Westfalen.

Münster -  Im kommenden Jahr feiert Westfalen Geburtstag: Beim Wiener Kongress, der Europa nach der Niederlage Napoleons neu ordnete, wurde 1815 die Gründung Westfalens als Provinz Preußens vereinbart. Der Historiker Karl Ditt ist Herausgeber eines opulenten Sammelbandes über die 200-jährige Geschichte Westfalens: „Westfalen in der Moderne“. Elisabeth Elling hat ihn befragt.

Als Westfalen 1815 eine politische Einheit wurde, da wurde ein Flickenteppich aus vielen Herrschaften zusammengesteckt. Wuchs in 200 Jahren zusammen, was zusammengehört?

Karl Ditt: Dass Westfalen eine preußische Provinz wurde, war nicht vorgezeichnet, die Situation auf dem Wiener Kongress 1814/15 war offen. Es gab auch Überlegungen, einzelne Gebiete den Niederlanden, Frankreich, Sachsen oder Mecklenburg zuzuschlagen. Zur Enttäuschung Mancher wurde das Westfalenverständnis, das bis Friesland reichte, nicht realisiert, sondern die Nordgrenze wurde schon beim Niederstift Münster gezogen. Bis heute lassen sich in Westfalen Regionen mit unterschiedlichem räumlichen Selbstverständnis unterscheiden.

Also eine kleinwestfälische statt einer großwestfälischen Lösung.

Ditt: Das wurde aber gern akzeptiert, denn Westfalen bekam das Siegerland, was dem damaligen Stammesverständnis nach eigentlich zu den Hessen gehörte, aber eine wirtschaftlich wichtige Region war.

Ein Westfalenbewusstsein gab es 1815 also?

Ditt: Ein Stammes- und Raumverständnis Westfalen existierte in gelehrten Kreisen und im Adel, war also auf die Oberschicht beschränkt. Es gab dann aber Faktoren, die ein breiteres Westfalenbewusstsein befördert haben, vor allem der Gegensatz zwischen der preußischen Politik in Berlin und der hiesigen Bevölkerung. Beispiele sind das „Kölner Ereignis“ von 1837, ein Streit um die Konfessionszugehörigkeit von Kindern aus so genannten Mischehen, oder der Kulturkampf der 1870er Jahre. In Westfalen zeigte die Bevölkerung unter Führung des Adels eine gewisse Widerständigkeit gegen den preußischen Staat.

Die katholische Bevölkerung und der katholische Adel?

Ditt: Ja. Die Bevölkerung im märkischen Raum oder in Minden-Ravensberg, also in altpreußischen und protestantischen Regionen, hat die Zuordnung zu Preußen natürlich hingenommen.

Sie haben ein „Stammesverständnis“ genannt. Wie kam das in die Welt?

Ditt: Da muss ich ausholen. Die klassische Kultur des Bürgertums mit seinem Streben nach Aufklärung, dem Schönen, Wahren, Guten und seinen Theatern, Bibliotheken, Museen geriet gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die Krise. Die Menschen sahen ihre Realitäten nicht mehr abgebildet, die Wissenschaften stellten traditionelle Vorstellungen in Frage. Auf die Krise gab es verschiedene Reaktionen, eine ganze Palette neuer kultureller Strömungen. Die Moderne entstand mit ihren vielfältigen Formen, beispielsweise in der Kunst: Ein Gesicht wurde nicht mehr abgemalt, sondern man experimentierte mit Farben, mit Blickwinkeln. Und es gab eine andere Reaktion, die Heimat- und Volkstumskultur...

...die sich gegen diese Moderne richtete?

Ditt: Genau, aber auch gegen den aufklärerischen Kulturbegriff. Für die Heimat- und Volkstumsbewegten war der Mensch nicht nur ein Verstandeswesen, sondern auch bestimmt durch Landschaft, Rasse und Geschichte. Diese würden seit Abschluss der Völkerwanderung den Menschen stammesmäßig und regional prägen. Bei den Sachsen gab es die Unterstämme Ostfalen, Westfalen und Engern. Diese seien in unserem Raum allmählich zu den Westfalen mit einem eigenen Wesen oder Stammescharakter zusammengewachsen.

Wie sah der bei „dem Westfalen“ aus?

Ditt: Die Einen spotteten über Dumpfheit und Naivität; der berühmteste Kritiker ist Voltaire. Solchen Spott gibt es aber für alle Landschaften, das ist ein eigenes literarisches Genre. Die Anderen sagten, „der Westfale“ sei ursprünglich, bodenständig, beharrlich usw. Diese Charakteristika wurden um 1900 wieder hochgeholt, vor allem in der regionalen Populärliteratur. Augustin Wibbelt ist bekannt, Karl Wagenfeld auch, zudem gab es Konjunkturritter, die Resonanz suchten und im Dritten Reich Geld gemacht haben: Josefa Berens-Totenohl, Maria Kahle, Heinrich Luhmann. Das geht bis in die 1950er Jahre hinein.

Das Stammesdenken ist also keine Nazi-Erfindung?

Ditt: Nein, das ist älter. Es setzte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts auf verschiedenen Feldern durch. „Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen“ – so beginnt 1918 die Weimarer Verfassung.

Sie beschreiben die Heimatbewegung mit ihren antimodernen Motiven als westfälische Besonderheit.

Ditt: Die Heimatbewegung gibt es überall, aber in Westfalen war und ist sie besonders stark, denn sie wurde hier besonders stark öffentlich gefördert, übrigens schon vor den Nationalsozialisten.

Wie vertrug sich die Heimat- und Volkstumskultur mit der NS-Ideologie?

Ditt: Nach meiner Überzeugung haben die alte Heimatideologie und die NS-Kultur die gleiche Wurzel: Mensch und Kultur werden in hohem Maße durch Naturfaktoren bestimmt. Die Nazis stellen Blut und Biologie in den Vordergrund. Die Vertreter der Heimatbewegung waren differenzierter, sie verwiesen auch auf den Raum und die Geschichte.

Sie ließen sich aber gern vereinnahmen?

Ditt: Teils hatten sie keine andere Möglichkeit, teils waren sie hoffnungfroh und dankbar. Sie führten lange ein Schattendasein, diese Luhmanns nahm keiner so richtig ernst. Bis die Nazis kamen und die kulturelle Moderne kappten, auch die Kulturen der Kirchen und der Arbeiterbewegung, und auf der Suche nach einer Kultur, die sie fördern konnten, die Heimatkultur nahmen. Da war ja nicht viel Eigenes; diese NS-Leute hatten letztlich nur das Rassekriterium: Jüdisch oder nicht jüdisch, arisch oder nicht arisch.

Gleichzeitig verstand sich die NS-Kulturpolitik aber als modern.

Ditt: Der Nationalsozialismus hatte eine Doppelstrategie. Er hat auch die Massenkultur gefördert, zum Beispiel den Sport und den Unterhaltungsfilm – der war wiederum ein Anathema für viele Heimatbewegte. Auf der anderen Seite sind die Nationalsozialisten in der Ablehnung Anderer deutlich härter gewesen. Der Heimatbewegung schmeckte es vielleicht nicht, wenn ein Jude im Heimatverein war, aber geächtet oder mit Vernichtung bedroht wurde er deshalb nicht.

Die alte Heimatideologie ist verblasst und verschwunden. Wann und warum?

Ditt: Die läuft in den 1960er Jahren allmählich aus. Seit den 50ern schwand der Glaube, dass Naturfaktoren den Menschen bestimmen. Man sah jetzt in Wirtschaft und Gesellschaft wichtigere Faktoren. Anderes kommt hinzu. Zu Beginn der 1970er Jahre, als die Umweltschutzbewegung sich formierte und das Wirtschaftswachstum zurückging, setzten solche Überlegungen ein: Was haben wir alles an steinernen Zeugnissen unserer Geschichte kaputt gemacht? Es schien, als sei die Industrialisierung zu einem Abschluss gekommen. Man schaute zurück und sah mit Alexander Mitscherlich „unwirtliche Städte“ und überlegte, was erhalten und gerettet werden könne. Mit dem Denkmal- und Umweltschutz erfuhr die Heimatbewegung seit den 1970er Jahren einen neuen Zulauf.

In Ihren Forschungen attesiteren Sie Westfalen eine Schwäche der Moderne.

Ditt: Ja, bis in die 1950er Jahre, als Nachholprozesse in Gang kamen. Ein Grund war die antimoderne Kulturpolitik und die Stärke der Heimatbewegung. Hinzu kam: Westfalen hat keine Metropolen wie zum Beispiel Düsseldorf oder Köln und damit keinen differenzierten Kunst- und Kulturmarkt. Man könnte sich vorstellen, dass das Ruhrgebiet ein solches Zentrum hätte werden können. Aber da haben Sie lange Zeit gewissermaßen ein Dorf neben dem anderen. In Westfalen fehlte vielfach das für kulturell Neues aufgeschlossene Publikum. Die Kathedralen, die hier standen, waren keine Kathedralen der Moderne.

Das Buch

Der Band Westfalen in der Moderne 1815-2015. Geschichte einer Region,

herausgegeben von Karl Ditt und anderen, (Aschendorff Verlag, Münster, 864 S., 29,95 Euro) analysiert in 25 Beiträgen die Entwicklungen und Besonderheiten von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur und Lebenswelten in Westfalen.

Ergänzt werden die Artikel um zahlreiche Abbildungen, Fotos und Karten.

Quelle: wa.de

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