Hinduismus in der Kunst: Museum Bochum zeigt „Sparsha“

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Bollywood lässt grüßen im Foto von Tejal Shah: In „Southern Siren – Maheshwari“ posiert eine Hijra wie eine Göttin und wie eine Bollywood-Schauspielerin. Die Rosen standen in früheren, prüderen Zeiten für Küsse. Die Arbeit ist in Bochum zu sehen.

Von Ralf Stiftel -  BOCHUM Zwischen die mächtigen Holzräder hat N. L.Tallur eine Schleifmaschine installiert, die der Besucher mit einem Schwungrad bedient. Er kann dann eine der Bronzegottheiten nehmen und sie am Schleifstein in Staub verwandeln, zumindest ein wenig, und sie so aus ihrem irdischen Leib befreien.

„Enlightenment machine (Beta version 0.2)“, Aufklärungsmaschine, hat der indische Künstler seine Arbeit von 2012 genannt. Und er stellt die Verhältnisse in ihr auf den Kopf: Der Mensch erlöst die Gottheit.

Zu sehen ist die Installation im Kunstmuseum Bochum. Seit Jahren schon, angefangen mit dem Zen-Buddhismus im Jahr 2000, zeigt das Haus immer wieder Ausstellungen, die Weltreligionen und Kunst in Beziehung zueinander setzen. Auch die aktuelle Schau, „Sparsha – Berührung der Sinne“, führt nach Asien. Mit Arbeiten von 16 Gegenwartskünstlern und sakraler Kunst aus mehr als 2000 Jahren geht es um den Hinduismus. Museumsdirektor Hans Günter Golinski verweist auf das, was westliche Besucher erwarten: Sinnlichkeit, Farbenrausch, Rituale. All das bietet die Schau, die nach einem Begriff aus dem Hinduismus benannt ist: Sparsha ist die Berührung durch das Göttliche.

Die Ausstellung stellt alte und neue Kunst in einen Kontext. Der Hinduismus mit seiner ausdifferenzierten Götterwelt, in der eine Gottheit auch noch in verschiedenen Verkörperungen auftritt, bietet Künstlern eine Fülle von Geschichten an. Diese Erzählfreude schlägt sich in den Arbeiten nieder. Man sieht es an den erotischen Reliefs, die für Prozessionswagen geschnitzt wurden. In einer davon aus dem 19. Jahrhundert steht eine nackte Frau zwischen zwei bärtigen Männern: Die Frau ist eine Erscheinungsform des männlichen Gottes Vishnu, in der er weise Männer heimsucht, die sich von der rechten Lehre entfernt haben. Und tatsächlich ist es angesichts der Verführungskraft Mohinis schnell vorbei mit der Askese der Weisen, im Unterschied etwa zu Versuchungsszenen des Christentums, wo die Heiligen widerstehen.

Ganz ähnliche Wandlungsfähigkeiten entwickeln auch die zeitgenössischen Künstler. Pushpamala N. posiert in ihren Fotoinszenierungen mal als Göttin in der Lotosblüte, mal als peitschenschwingende Abenteurerin und als knapp kostümierte Zirkusartistin. Ihre Fotos sind historischen Bildern nachgestellt, alten Fotos ebenso wie Miniaturmalereien. Und sie zitiert und ironisiert verschiedene Facetten der „Indishness“.

Die Schau ist überaus prominent besetzt. So sieht man Miniaturmalerei aus dem 17. Jahrhundert und mittelalterliche Skulpturen aus dem Museum Rietberg in Zürich. Das Museum für Asiatische Kunst in Berlin lieh die Terrakotta einer weiblichen Gottheit aus vorchristlicher Zeit. Aus dem Grassi-Museum Leipzig kommt die seltene Darstellung eines fünfköpfigen Ganesha, der elefantenköpfigen Gottheit der Weisheit.

Und bei der von Thomas Hensolt kuratierten zeitgenössischen Kunst ist das Video „Pure“ von Subodh Gupta zu sehen, zur Zeit ein Shooting-Star auf dem internationalen Kunstmarkt. Er steht unter der Dusche, wird aber nicht sauber. Immer mehr bedeckt eine klebrige Kruste seinen Körper, das Film läuft rückwärts. Am Ende sieht man den Künstler beschmiert mit Kuhmist, was Ekel auslöst. Aber Dung ist eine der wichtigsten Ressourcen gerade in den ländlichen Regionen Indiens: Brennstoff, Baumaterial, Düngemittel und in der ayurvedischen Medizin sogar Arznei. Und so ist das Geschehen im Film zwar ein Widerspruch zum Titel, zugleich aber wird das „Rein“ auch eingelöst.

Tejal Shah, Teilnehmerin der letzten documenta, befasst sich mit den „Hijra“, dem „dritten Geschlecht“, das es in Indien gibt. Männer nehmen dabei weibliches Verhalten an, unterziehen sich schließlich sogar einer rituellen Kastration. Die Hijra sind einerseits wichtig in bestimmten Ritualen, bei Eheschließungen zum Beispiel, andererseits aber so verachtet, dass sie kaum andere Einnahmequellen als Betteln und Prostitution haben. In einem Video erzählen Hijra ihre Geschichte, in Fotos inszeniert Tejal Shah einige in bunten Traumszenen wie aus Bollywoodfilmen.

Man bekommt Einblicke in Spiritualität und Farbenpracht des Subkontinents. Chitra Ganesh zeigt die hinduistischen Gottheiten als Akteure in Comicszenarien, die Motive von Superheldenstrips aufgreifen. Viveek Sharma malt historische Szenen, in denen er selbst auftritt, zum Beispiel als Schirmträger Mahatma Gandhis. Und Amit Pasricha fängt den Zusammenstoß von Alltäglichkeit und Spiritualität in großformatigen Panoramafotos ein, zum Beispiel die fröhliche Farbspritzerei eines Holi-Festes oder die Anwaltsgattin, die vor ihrem kitschigen Privatpalast ihr Gebet am Ganesha-Altar verrichtet.

Die Schau

Die spannende Ausstellung vereint Informationen über die hinduistische Kultur in Indien mit starken Seherfahrungen alter und zeitgenössischer Kunst:

Sparsha – Berührung der Sinne

im Kunstmuseum Bochum.

Bis 1.2.2015.

di – so 10 – 17, mi bis 20 Uhr, Tel. 0234/ 910 4230, www.kunstmuseumbochum.de, Katalog, Verlag E. A. Seemann, Leipzig, 25 Euro

Quelle: wa.de

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