Hilary Mantels Roman „Wölfe“ über Thomas Cromwell

Von Ralf Stiftel ▪ Der englische Staatsmann Thomas Cromwell hat keine gute Presse. Sein Gegenspieler Thomas Morus verlor zwar 1535 sein Haupt, wurde aber als treuer Gefolgsmann der katholischen Kirche heiliggesprochen. Cromwell galt als der willige Vollstrecker des Tudor-Königs Henry VIII. bei der Lösung Englands von der katholischen Kirche. Nun legt die britische Schriftstellerin Hilary Mantel einen fast 800 Seiten starken Roman über Cromwell vor, „Wölfe“. Wer soll den Schinken lesen?

Das Werk wurde mit dem Booker Prize geadelt, dem wichtigsten britischen Buchpreis. Mantel widerlegt alle Vorurteile über Historienschmonzetten. Sie schildert den saftigen Skandal um König Henry, der sich seiner Ex Katherine von Aragón entledigen und mit Anne Boleyn unter die Decke schlüpfen möchte. Aber sie begreift ihr Thema als politisch. Es ging für Henry, der sechs Ehen schloss, um die Erhaltung der Tudor-Erbfolge. Hinter den Kulissen wurde mit Papst Clemens VII. verhandelt. Doch der Habsburger-Kaiser Karl V., Katherines Neffe, hintertrieb eine solche Lösung. So gibt es kein romantisches Sehnen, keine frivolen Bettszenen, keine Duelle.

Hilary Mantel schreibt kalt von politischen Schachzügen und psychologischen Manipulationen. Und sie hält den Leser ganz nah bei Cromwell. „Wölfe“ handelt von der sensationellen Karriere eines politischen Genies. Cromwell, von niederem Stand, der von seinen Feinden als „Metzgershund“ beschimpft wird, arbeitet sich hoch, zunächst als Sekretär des Lordkanzlers und Bischofs Wolsey, dann in Ämtern am Hof – bis er zum Vertrauten Henrys wird. Cromwell erscheint als Realpolitiker, der für den König Problemlösungen findet. Am Ende wird auch er hingerichtet, was der König dann bedauert. Aber das gehört nicht mehr in dieses Buch.

Mantel macht verständlich, wie Henry Rücksicht darauf nehmen muss, dass Katherine beim Volk beliebt ist. Sie schildert, wie Wolsey auf Anne Boleyns Betreiben entmachtet und gedemütigt wird. Sie berichtet, wie eine Nonne, die angeblich wahrsagt, von der katholischen Partei gegen den Hof eingesetzt wird und wie diese Intrige zerschlagen wird. Sie zeichnet nach, wie Cromwell verhindern will, dass sein politischer Gegner Morus hingerichtet wird – und wie der sich erfolgreich in die Rolle des Märtyrers drängt.

In dem Buch steckt jahrelange Recherche. Mantel, 1952 geborene, studierte Juristin, beachtet bei jeder historischen Figur die Handlungen, Wege und Aufenthaltsorte. Und leistet sprachliche Feinarbeit. Was für großartige Sätze legt sie ihren Figuren in den Mund – oder ungesagt in den Kopf: „Er möchte sagen: Zahlen Sie es den Verrätern heim, Cromwell, aber geben Sie acht, dass Sie sie respektvoll abschlachten.“

Sie stellt historische Wertungen um. Thomas Morus/More, der als Moralist und Wohltäter galt, erscheint als gefühlskalter Fanatiker. Schon wie er im Roman seine Frau vor Gästen als dumm und verfressen bloßstellt, wie er seine Schwiegertochter demütigt, das zeigt einen selbstgefälligen Familientyrannen.

Cromwell wird nicht als Lichtgestalt geschildert, auch ihm gibt Mantel Schwächen mit, zum Beispiel eine Affäre mit seiner Schwägerin. Aber ihm gelten alle Sympathien. Geschlagen von einem versoffenen Vater. Als Kind Zeuge, wie eine Ketzerin auf dem Scheiterhaufen stirbt. Durch das Fieber verliert er seine Frau. Kein Wunder, dass er zum Melancholiker wird. Dadurch erklärt Mantel das Mitgefühl, das er anderen entgegenbringt. Aus dieser Empathie ergibt sich vielleicht auch das Verständnis, das der König bei ihm findet.

Ein großes Buch, das für uns Geschichte aufleben lässt. Und obwohl das so verknappt, so auf den politischen Kern geschrieben ist, doch voller poetischer Miniaturen. Sie zeigt Cromwell mit einem Apfel: „Er schält ihn mit einer dünnen Klinge, und die Schale fällt leise vom Fruchtfleisch und bleibt zwischen seinen Papieren liegen wie der Schatten eines Apfels, grün auf weißem Papier und schwarzer Tinte.“ So führt uns die Autorin Bilder vor Augen. Kein Wunder, auch der Hofmaler Hans Holbein hat seine Auftritte, und auch seine Porträts der Handelnden hat Mantel studiert.

Hilary Mantel: Wölfe. Deutsch von Christiane Trabant. DuMont Verlag, Köln. 767 S., 22,95 Euro 

Quelle: wa.de

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