Hilary Mantels Historienroman „Falken“

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Autorin Hilary Mantel

Von Ralf Stiftel Das Ende dieses Romans steht natürlich fest. Anne Boleyn, die zweite Frau des englischen Königs Heinrich VIII., wurde als Ehebrecherin verurteilt und enthauptet. In ihrem Roman „Falken“ fasst Hilary Mantel den tödlichen Schwertschlag des Henkers in einen Satz von großer Schönheit und klinischer Präzision: „Dann ist es still, und in diese Stille hinein erklingt ein Geräusch wie ein scharfes Seufzen oder wie das Pfeifen durch ein Schlüsselloch: Der Körper spuckt Blut, bald schwimmt die kleine, flache Gestalt in einer Pfütze davon.“

„Falken“, im Original unter dem Titel „Bring Up The Bodies“ 2012 erschienen, ist der zweite Band einer Trilogie über das Leben von Thomas Cromwell (1485–1540). Mit der Lebensbeschreibung des Politikers, der lange Heinrichs wichtigster Berater war und als sein persönlicher Sekretär, als „Master Of The Rolls“, bedeutende Reformen anstieß, zeigt Mantel, was ein historischer Roman auch sein kann. Eben mehr als ein rührendes Kostümstück, mehr als das Schwelgen in Drama und Romantik. „Falken“ ist ein Politthriller ohne Vergleich, bei dem die Fakten stimmen. Aber daran denkt man bei der Lektüre zuletzt.

In Geschichtsbüchern liest sich das so einfach. Da steht Heinrich als Frauenverschleißer da, der ganz nach Laune die eine verstößt, die nächste hinrichten lässt. Hilary Mantel nimmt dem Monarchen das Märchenhafte, sie zeichnet ihn und seinen Hofstaat als vernünftige Menschen, die unter den Zwängen der Tagespolitik handeln. Damit schlüsselt sie das Geschehen für den modernen Leser so auf, wie es wenige historische Abhandlungen können. Dieses knappe Jahr zwischen dem September 1535 und dem Sommer 1536 entscheidet über das Schicksal von Heinrichs zweiter Frau. Sie hat sich als machtgierige Nervensäge entpuppt, die ihre Vorgängerin kalt ausschaltete. Nun schenkt sie ihrem Mann nicht den ersehnten und für die Staatsräson so unentbehrlichen Thronfolger. Und die verstoßene Katherine, die Tante des Kaisers Karl V., ist im Hausarrest in Kimbolton eine latente Gefahr.

Meisterlich ist es schon, wie Mantel den entscheidenden Konflikt behandelt. Wenn Anne mit anderen Männern das Bett teilte, dann machte sie sich eines schweren Verbrechens schuldig. Cromwell stößt anfangs auf kleine Indizien, ein Brand im Schlafzimmer der Königin zum Beispiel – wer hat da nachts Kerzen gebraucht und wozu? Und warum trägt der Musikant Mark Smeaton auf einmal so erlesene Kleidung? Die Autorin ist nah bei ihrem Helden, erzählt aus seiner Perspektive, behält im „er“ aber stets eine Mindestdistanz. Und sie verrät uns längst nicht alles. So kann der Leser sich nie sicher sein, was die Wahrheit ist – ganz wie in der Wirklichkeit. Hatte also Königin Anne mehrere Liebhaber, darunter ihren Bruder? Oder fiel sie einer Intrige zum Opfer, weil der König sie einfach loswerden wollte? Oder verfolgte Cromwell gar einen persönlichen Racheplan, weil Anne die treibende Kraft war hinter der Entmachtung seines Mentors, des Kardinals Wolsey? Selbst seine Mitarbeiter beginnen ihn zu fürchten.

Mit psychologischer Präzision berichtet Mantel von den Rangkämpfen bei Hofe. Mit Schärfe charakterisiert sie die Höflinge: „Der sanftmütige Norris: Hauptarschwischer des Königs, Spinner von Seidenfäden, Spinne der Spiennen, das schwarze Zentrum des mächtigen, tropfenden Netzes höfischer Vetternwirtschaft: was für ein agiler, liebenswürdiger Kerl er doch ist...“ Schon für „Wölfe“, ihren ersten Roman über den Berater des Tudor-Königs, erhielt Mantel 2009 den Booker-Prize. Für diesen zweiten ebenfalls, 2012. In England erkennen sie noch literarische Klasse.

Hilary Mantel: Falken. Deutsch von Werner Löcher-Lawrence. DuMont Verlag, Köln. 480 S., 22,99 Euro

Quelle: wa.de

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