„Heute Abend: Lola Blau“ am WLT in Castrop-Rauxel

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Lola Blau (Samira Hempel) tritt als Sängerin auf. Szene aus . - Foto: Beushausen

CASTROP-RAUXEL Ihr Onkel Paul ist mit den Kindern nach Prag, ihr Freund Leo ruft an, aber die junge Künstlerin hat keine Zeit. Ihr erstes Engagement am Landestheater Linz wartet. Hitler? Die Juden sind in Wien in Gefahr? Nein, Lola Blau ist voller Vorfreude, und Samira Hempel verstrahlt diese beseelte Unruhe. Junge Menschen hoffen nun mal auf das Neue, wenn sie auf ihrem Weg starten. Sie sind fokussiert.

Im Studio des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel (WLT) ist Georg Kreislers 1971 geschriebenes Ein-Frau-Musical „Heute Abend: Lola Blau“ zu sehen. Darin verarbeitet der Österreicher seine eigene Emigrationsgeschichte, die Rückkehr nach Wien und die Erfahrungen mit dem renitenten Antisemitismus im Alpenstaat. Das Künstlerporträt und seine 18 Lieder sind ein Dauerbrenner, weil Fremdenhass und Flüchtlingsschicksale immer wieder Aktualität erlangen.

Einige Lieder klingen vielleicht etwas antiquiert („Am Theater ist was los“). Und nicht jede Persiflage trifft, wenn dem Berliner (mit Koffer) noch der preußische Marsch in den Knochen steckt. Aber Kreislers „Lola Blau“ profiliert ein Einzelschicksal, das in diesem Fall jüdischen Glaubens ist, und vom Zeitenlauf in Wien eingeholt wird. 1938 erfolgt der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, und Vermieter Fini (Mike Kühne) hängt Lola Blau gleich ein Hitlerporträt ins Zimmer. Endlich Nazi, ist seine Botschaft. Es wird schikanös für die Jüdin. Auch das Landestheater sagt ihr ab. Was nun?

In Castrop-Rauxel sorgt Tankred Schleinschock (Regie, Musik, Bühne) mit den Spielinseln für situative Intimität, die die wechselvollen Stationen im Leben der Lola Blau verbindet. Die Garderobe ist mit Spiegel, Whiskeyflasche und Koffer so austauschbar wie all die Auftritte, die Lola Blau in den USA als Show- und Erotikstar feiert. Aber der Abend am WLT leuchtet vor allem in ihren Gedanken. Und da ist Kreislers Klassiker zeitlos. Wenn Lola Blau ihren Freund verpasst und nur ein jüdischer Name schon erschreckt, dann breitet sich ihre Einsamkeit aus. „Ein Lächeln“ würde ihr helfen, singt sie. Das berührt.

Samira Hempel ist eine Überraschung. Neben ihrem souveränen Schauspiel, das aus der naiven Theateranfängerin eine gefasste Frau macht, erfrischt sie Kreislers Lieder. Mitreißend singt sie „Ein herrliches Weib“ und nimmt den einfältigen Liebhaber hopps, dem seine Fehleinschätzung dämmert. Samira Hempel hat Spaß, die Kreisler-Stücke (wie auch „Die Damen von Beruf“) als Unterhaltungsstoff über die Rampe zu schicken. Ihr Timing stimmt, die Power ist da, und es ist Entertainment. Klasse.

Hempel ist selbstsicher („Sex is a wonderful habit“), hat im Glitzerkleid einen Schlitz und gibt die Erotik wie Exotik des Rollenprofils mit ein bisschen Ironie. Das ist ganz schön cool. Und plötzlich ekstatisch, wenn sie geradezu schreit: „We all have foreign affairs.“ Sie trifft, was Menschen ausmacht, mit ganzer Wucht.

Für Hempels Bühnenpräsenz ist das Tasteninstrument, das Tankred Schleinschock bedient, eigentlich zu brav. Ein Wanderklavier? Lässt sich nicht ein ganzes Orchester manchmal hören?

Herrlich und mutig, wie sich Samira Hempel zu „Heute werde ich mich besaufen“ gehen lässt. Sie vermittelt dem Publikum, wie wohl sie sich in jeder Rolle fühlt. Auf der dunklen Seite im Leben der Lola Blau sind die Tiefen zwar nicht ganz ausgelotet. Aber wie sie „Alois Schmidt“ zum furchteinflößenden Prototypen eines selbstgerechten Deutschen macht, ist eine Nummer für sich.

Am Ende kommt Lola Blau wieder nach Wien, Leo will im Kabarett vorbeikommen, und Georg Kreisler zieht eine bittere Bilanz zu seiner Heimatstadt. In Castrop-Rauxel aber hat Samira Hempel richtig überzeugt. Viel Applaus.

heute bis 25. März;

Tel. 02305/978020; www. westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

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