„Herr Puntila und sein Knecht Matti“ in Bochum

Von Anke Schwarze ▪ BOCHUM–Wenn Matti und Eva sich in der Badehütte zu einem fingierten Liebesspiel treffen, fallen mit den Kleidern auch die sozialen Schranken zwischen Knecht und Gutstochter. Aus dieser Schlüsselszene entwickelt Anne Lenk die Inszenierung „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses. Sie umgibt Bertolt Brechts Volksstück mit einer finnischen Blockbohlen-Sauna. In dieser Kulisse nivelliert sich die soziale Kluft zwischen allen Beteiligten von Anfang an.

Nur das gesprochene Wort macht Puntila zum Herrn und Matti zum Knecht. Beide tragen die gleiche Art von hellem Gesellschaftsanzug. Auch wirkt der meist alkoholisierte Puntila immer etwas konfus und zerrupft. Matti dagegen verliert die Beherrschung nur, wenn eine Frau ihm an die Hose greift. Ansonsten sieht er auf seinen Herrn herab – weil er im Unterschied zu diesem weiß, wer er selbst ist. Geld und Status verschaffen einem Menschen keine Identität. Diese Botschaft transportiert Anna Lenk auch über die anderen Figuren des Stücks. Puntilas Tochter Eva erscheint in immer anderen Kostümen. Sie probiert die Femme fatale im engen Schlauchkleid, das unschuldige Mädchen im Ballettröckchen, die hoffnungsvolle Braut mit Schleier. Ihr weiblicher Gegenpart, die Magd Fina trägt stets denselben Rock und dieselbe Strickjacke. Sie leidet nicht an einer verunsicherten Identität.

Die Regisseurin lässt die Zuschauer das Stück fast bis zum Schluss als hintergründige Komödie genießen. Dabei setzt sie nicht nur auf Brechts Wortwitz, sondern auf gekonnten Slapstick. Wenn sie die Blockbohlen der Sauna als Stolperfallen einsetzt, wirkt das nicht albern, weil Lenk ihre Motive deutlich den klassischen Slapstick-Komödien der 30er und 40er Jahre entlehnt. Damit bezieht sie sich auf jene Zeit, in der Brecht seinen Puntila schrieb. Auch eine Freude an pantomimischer Spielweise, an körperbezogenen Abläufen ist den alten Slapstick-Klassikern abgeschaut und geschickt abgewandelt. Nie gleitet das Komödiantische ins Lächerliche ab, so dass am Ende der Wechsel zum Tragisch-Nachdenklichen gelingt. Am Ende steht Puntila allein auf der Bühne. Seinen inneren Widerspruch zwischen menschenfreundlichem Poeten und kühl kalkulierendem Geschäftsmann vermag er nicht zu lösen. Und helfend zur Seite steht ihm auch niemand.

Die gelungene Tragikomik ist auch ein Verdienst von Benno Ifland. Er spielt den Jekyll-und-Hyde-Charakter des Puntila höchst differenziert. Seine Bewegungen werden ausladend und fahrig, wenn Puntila betrunken ist. Sein Lächeln ist kindlich-naiv, seine heisere Säuferstimme jovial. Als nüchterner Puntila wird Ifland scharf im Ton, zielbewusst in seinen Bewegungen. Den Schlussmonolog spricht er ergreifend leise und melancholisch. Ihm ebenbürtig ist der Matti von Christoph Jöde. Smart, kühl, distanziert im Umgang mit seinem Herrn, selbst, wenn er dessen Willen nachkommt. Fina umgarnt er, Eva lässt er provokant zappeln. Jede Geste sitzt, selbst, wenn er sich würdevoll die Hose wieder zuknöpft, nachdem Eva sein Stelldichein mit der Magd Fina gestört hat.

Maja Beckmann stellt die Eva als amüsante Übertreibung des blondlockigen Stummfilmdummchens dar. Sie parodiert die überzogene Mimik und Gestik von Stummfilmstars, schmeißt sich Matti erst an die Brust und wendet sich plötzlich mit vor Schreck erhobener Hand wieder ab. Ihren Glanzpunkt hat sie im Ehe-Examen vor Matti, wenn sie pantomimisch die bügelnde, kochende, putzende Vorzeige-Werbemutti abgibt. Auch die weiteren Rollen sind ausgezeichnet besetzt, darunter Cornelius Schwalm als dümmlicher Attaché oder der abwechslungsreiche Leopold Hornung in den Rollen des Obers, Viehdoktors, Arbeiters und Probstes. Sie alle tragen dazu bei, dass die Zuschauer die Ironie von Brechts Puntila ohne überstrapazierte Interpetationen genießen dürfen.

Quelle: wa.de

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