Herman Kochs böser Familienroman „Angerichtet“

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Herman Koch ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Zwei Ehepaare besuchen ein Spitzenrestaurant. Es ist eins dieser Häuser, in denen das Essen zelebriert wird: „Die Flusskrebse werden von einer Vinaigrette aus Estragon und Frühlingszwiebeln umspielt“, heißt das dann. Der Ich-Erzähler in Herman Kochs Roman „Angerichtet“ traut diesen Lokalen nicht. Paul Lohman besucht es auch nicht zu seinem Vergnügen, so wenig wie sein Bruder Serge, der kommende Ministerpräsident. Die Paare müssen reden. Über ihre Söhne Michel und Rick, 15, die etwas getan haben, das ihr ganzes Leben zerstören kann: Sie haben eine Obdachlose so misshandelt, dass die starb.

Der Leser erfährt das erst beim Hauptgang. Der in Amsterdam lebende Autor, 1953 geboren, hat sein Buch wie eine Speisekarte in die Gänge des Menüs gegliedert, samt Aperitif, Digestif und Trinkgeld. In sechs Stationen enthüllt er Abgründe des Bürgertums. Koch, Schriftsteller, Zeitungskolumnist und Fernsehkomiker, hat für „Het diner“, seinen fünften Roman, den niederländischen Publikumspreis gewonnen, das Buch wurde in 14 Sprachen übersetzt und stand 2009 auf der europäischen Jahresbestsellerliste. Selten wurde von einer glücklichen Familie so niederträchtig, mit so bösem Humor erzählt.

Schnell schließt der Leser den Misanthropen Paul ins Herz. Zu treffend geißelt er die Marotten der besseren Kreise. Niemandem kann man glauben, verrät uns Paul, der Bescheid weiß über den abgestandenen Champag ner, den der Maître ihm als „vom Haus“ aufschwatzt, dabei muss er doch zehn Euro für das Glas bezahlen. Er durchschaut die Politikertricks seines Bruders, der sich das Ferienhaus in der Dordog ne ebenso aus Publicity-Gründen zugelegt hat wie sein Hobby, den guten Wein, und selbst den Adoptivsohn Beau aus Burkina Faso.

Aber der grundehrliche Bescheidwisser traut auch uns nicht, seinem Publikum. Darum verrät er auch den Namen des Restaurants nicht, nicht den der Schule, an der er arbeitete, ehe er suspendiert wurde (wegen einer psychischen Krankheit). Paul enthüllt uns Abgründe seiner Familie, aber immer wieder weicht er aus: Das sei nun aber Privatsache. Bald wird uns Paul unheimlich. Liegt es an seiner Einschätzung, dass es unter den Opfern des Zweiten Weltkriegs auch „Arschlöcher“ gegeben hat? Oder an seinen irritierenden Fantasien: „Ich sah den Rektor an und stellte mir vor, wie ich ihm die geballte Faust mitten ins graue Gesicht dreschen würde. Knapp unterhalb der Nase, meine Knöchel voll auf die leere Stelle zwischen Nasenlöchern und Oberlippe. Zähne würden abbrechen, Blut würde aus der Nase spritzen, und es würde Klarheit über meine Ansichten herrschen.“ Systematisch sorgt der Autor dafür, dass auch der geduldigste Leser die Solidarität mit dem Erzähler aufkündigt.

Lange weichen die Elternpaare aus, beschweigen vielsagend die Tat ihrer Söhne. Was ist zu tun? Zwar wird in „Aktenzeichen XY“ mit dem Film einer Überwachungskamera gefahndet. Im Internet gibt es ein Handyvideo „Men in Black III“. Trotzdem ist noch kein Verdacht auf Michel und Rick gefallen. Koch schildert Eltern, die das Wohl ihres Sohnes über Verantwortung stellen. Er findet immer neue, gemeine Wendungen in dieser Geschichte einer Vergangenheitsbewältigung.

Ganz dicht webt Koch ein Netz aus Anspielungen und Zitaten, von der jüngsten Geschichte über Literatur bis zum Kino. Nicht zufällig werden Woody Allens zynischer Thriller „Match Point“ und Sam Peckinpahs „Straw Dogs“ mehrmals erwähnt. Was als gemütliche Komödie der Gutbürgerlichkeit einsetzt, das seziert erbarmungslos komisch die Doppelmoral der Akteure. Bis hin zum Schlusssatz, der eine kindliche Vertrauensäußerung in einen teuflischen Pakt übersetzt: „Lieber Papa.“

Herman Koch: Angerichtet. Deutsch von Heike Baryga. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 309 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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