Herfords Marta Museum würdigt Gerrit Rietveld

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Unbändig dringt Adrien Tirtiaux’ „Rietveld Knoten“ in den Schauraum des Marta Museum Herford. Tirtiaux’ Raumskulptur aus Bauholz knüpft an das Erbe Gerrit Rietvelds an.

HERFORD - Der Rietveld-Knoten ist eine konstruktive Besonderheit aus der Pionierzeit des modernen Möbelbaus. Der Niederländer Gerrit Thomas Rietveld legte drei gleichstarke Vierkanthölzer rechtwinklig übereinander und verband die Leisten mit Dübeln. Dieses ausgestellte wie offene Verbindungsstück charakterisiert auch den Designklassiker des Niederländischen Möbelschreiners, den „Rot-Blauen Stuhl“ von 1918. Rietvelds Paradestück ist der Mittelpunkt einer Ausstellung im Marta Museum Herford: „Revolution in Rotgelbblau – Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst“.

Damit feiert das Haus als einzige größere Institution in Deutschland das 100jährige Gründungsjubiläum der „De-Stijl“-Künstlerbewegung im Nachbarland.

Im zeitgenössischen Teil der Ausstellung schraubt sich Adrian Tirtiaux’ Raumskulptur aus Bauholzleisten in die freientfaltete Architekturform Frank O. Gehrys, der das Marta-Gebäude einst entworfen hatte. Es ist der imposanteste Moment einer vielschichtigen Ausstellung, die auf das Innovative und Visionäre gestalterischer Arbeit fokussiert. Dies Motiv geht auf Theo van Doesburg, Mitbegründer der Bewegung und Zeitschrift „De Stijl“, zurück, der der Kunst zutraute, den Menschen aus seinem „Lebenschaos“ zu erlösen – 1918 herrschte Weltkrieg in Europa. Für den 47-jährigen Yves Netzhammer steckt in den Übergängen einer digitalen Gesellschaft die neue Unübersichtlichkeit. Wie sehr müssen wir in digitalgesteuerten Arbeits- und Lebenswelten funktionieren? Was passiert, wenn der 3D-Drucker Handwerks- und Modellarbeit ablöst? In Herford verführt Yves Netzhammer mit einer farbverliebten Videoinstallation, die Orientierung erschwert und mit zeichenhaften Oberflächen und Einbauten desillusioniert. Wohin, was hat noch Wert?

Gestalterisches Neuland wird in Herford weniger betreten. Christoph Büchel („Ohne Titel“, 1994/2004) richtet sich lieber an Rietvelds Proto(stuhl)typen aus, und befragt die zweifarbige Design-Ikone mit Lederriemen, ob die einst kühne Sitzgelegenheit nicht zum Fetisch einer hochpreisigen Möbelindustrie geworden ist. Daran hatte Rietveld (1888–1964) bestimmt nicht gedacht. Oder ist das ein elektrischer Stuhl?

Tobias Rehberger thematisierte 1994 Kontextverschiebungen. Er zeichnete drei Sitzklassiker der Moderne und ließ afrikanische Schreiner nach seinen aus dem Kopf entworfenen Bildern neue Möbel bauen. In Herford stehen sie da, irgendwie unvollendet, selbstironisch, kurios.

Katja Mater – sie lebt in Amsterdam und Brüssel – schafft geometrische Konstellationen. Mit der Fotokamera nimmt sie malerische Welten über Doppelbelichtungen auf und gestaltet neue Raumtiefen in ihren großformatigen Bildern mit mehreren Verfahrensschichten. „Tiled“ nennt sie ihre C-Prints, die gewohnten Dimensionen wiedersprechen und erstaunen.

Dagegen nimmt Johannes Wohnseifer, Kölner Künstler, den Bausatz „Berliner Stuhl“ (1923) von Rietveld als Fundus für skulpturale Architekturmodelle – eine transformatorische Arbeit, die sehr nüchtern ausfällt. Die Modelle haben noch Straßennamen aus dem afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding erhalten („Usambarastr.“), mit denen Wohnseifer in einer anderen Arbeit („Canon“, 2009) auf die Darstellungen in der deutsche Kolonialgeschichte kritisch hingewiesen hat. Zum Ausstellungthema in Herford bleibt der Bezug aber einseitig.

Wer sich mit Rietveld und der De-Stijl-Bewegung, die 1917 nach einer Zeitschrift benannt wurde, noch nicht befasst hat, kann dies im Museum Marta auf sehr anschauliche Weise nachholen. Das „Rietveld-Schröder-Haus“ wird in digitalen Bildern und einem Video in seiner konstruktiven Bedeutung vorgeführt. Die Innenräume wurden zuerst geplant. Verschiebbare Zimmerwände folgten, bis das Haus mit großen Fenstern nach außen vollendet war. Ausgestellt sind in Herford Rietvelds Möbel wie der „Berliner Stuhl“. Den Schritt in den Stadtraum unternahm Rietveld mit J.J.P. Oud. Sie entwickelten Reklameformate für Fassaden. In Großstädten der 1920er Jahren nahmen Werbebotschaften zu. New York erscheint in einer Frankfurter Monatszeitschrift als Negativbeispiel.

Die moderne Lebensauffassung zeigt sich auch mit Robert van’t Hoffs Stuhl für ein Hausboot (1918, Rekonstruktion 2009) oder in Rietvelds Nähschrank für seine Frau (1923) und dem Bollerwagen (um 1920) für seine Kinder – aus Vierkanthölzern. Mit dem historischen Teil beginnt die Herforder Schau.

Die Schau

Wie die klassische Moderne des Niederländischen De-Stijl-Stil zur Grundlage zeitgenössischer Kunst wird, zeigt diese sehr substanzielle Schau.

Revolution in Rotgelbblau – Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst im Museum Marta Herford. Bis 4. 2. 2018; di-so 11 – 18 Uhr; Neujahr ab 13 Uhr;

Tel. 05221/9944 300; www.marta-herford.de

Quelle: wa.de

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