Herbert Fritsch inszeniert Sades „Philosophie im Boudoir“ in Bochum

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Verspiegelt und verspielt: Szene aus der „Philosophie im Boudoir“ in Bochum mit Svetlana Belesova, Anne Rietmeijer, Jele Brückner, Jing Xiang, Ulvi Teke und Anna Drexler (von links).

BOCHUM - Sechs Köpfe tauchen aus dem Untergrund auf. Sie spiegeln sich auf dem schwarz lackierten Boden. Sie ähneln sich, alle stark geschminkt mit blauen Lidern, knallroten Mündern. Sie beschreiben Ausschweifungen aller Art. Man sieht ihnen keine Erregung an.

Ganz am Anfang standen die sechs schon auf der Bühne und taten minutenlang nichts anderes als lachen. Erst zögernd, einzeln, dann lauter, gemeinsam glucksend, fast rhythmisch wie Kinder, die sich in einem seltsamen Spiel in immer ausgelassenere Stimmung steigern.

Der Marquis de Sade hat die Verbindung von Sex und Gewalt nicht erfunden. Aber in seinen Schriften hat er ihr so exzessive Gestalt verliehen, dass sein Name dafür zum Markenzeichen wurde: Sadismus. Am Schauspielhaus Bochum inszeniert Herbert Fritsch Sades Text „Die Philosophie im Boudoir“. Einige Premierengäste finden wohl zu obszön, was sie hören, und verlassen die Vorstellung. Wie hatten sie sich einen Abend mit Sade vorgestellt? Wer die explizite Beschreibung von Orgien nicht hören möchte, der bleibe doch besser zu Hause.

Fritsch, Jahrgang 1951, war Schauspieler bei Frank Castorf. Er liebt es laut, grell, schrill. Sade (1740–1814) war Verwandter des französischen Königshauses. Sein Text entstand mitten in der französischen Revolution, mit der Sade sympathisierte. Er schreibt von Geschlechtsverkehr und Grausamkeit, aber er zielt auch auf die Gesellschaft, auf Staat und Kirche. Er spinnt das Undenkbare aus, will die äußersten Grenzen überschreiten. So bildet die sexuelle Erziehung der höheren Tochter Eugénie bei den Libertins Madame de Saint Ange und Chevalier de Mirvel nicht nur Gelegenheit für Gruppensex. Es werden auch böse Märchen erzählt vom Kannibalen, der Menschenfleisch für potenzfördernd hält, von einer Lustmörderin auf dem Friedhof. Zwischendurch hält er einen Vortrag, in dem er für Gewissens- und Pressefreiheit plädiert. Der wahrlich ungeheure Aufklärer Sade ist nicht auf eine These zu bringen. Aber er fordert das Denken heraus wie wenige andere.

Fritsch findet eine wunderbare Lösung, das unspielbare Werk zum Bühnenereignis zu machen. Er lässt Text und Darstellung asynchron laufen. In dem nachtschwarzen, spiegelnd lackierten Bühnenkasten fahren fünf Frauen und ein Mann in Unisex-Makeup und in verfremdeten Nonnen-Trachten aus einem knallroten Schacht auf (Bühne: Fritsch, Kostüme: Victoria Behr). Jeder ist hier mal Eugénie, mal Domancé, Madame und Chevalier, denn dies ist ein Kopfgeschehen, in dem ein wollüstiger Geist Fantasien auslebt. Diese Gestalten bewegen sich manchmal wie in einem Stummfilm, dann wieder wie Kasperlefiguren oder artistische Clowns in der Manege. Was Svetlana Belesova, Jele Brückner, Anna Drexler, Anne Rietmeijer, Ulvi Teke und Jing Xiang aufführen, ist oft hemmungslos albern, zum Beispiel wenn sie den Brief von Eugénies Vater lesen. Dann reihen sie sich hintereinander, jeder steckt dem Vordermann den Kopf an den Hintern. Vorn hält Teke den Brief und hinten spricht Xiang den Text, als wäre die Reihe eine Art Fernrohr. Und bei der Szene, in der Dolmancé der Madame in den Hintern beißt und sie ihn aus Rache anfurzt, stehen sie Spalier und blasen Furzgeräusche mit ausgestreckter Zunge. Sie grimassieren wild, sie rutschen in den roten Höllenschlund wie abgelegte Puppen, sie hüpfen übereinander. Wenn Xiang mit einer Art Monstranz auf dem Kopf wie eine böse Madonna den potenten Gärtner verkörpert und mit dem weit abstehenden Kleid dessen gewaltige Erektion andeutet, wird aus dem provokanten Porno ein befreiendes Lachtheater.

Mit diesen Mitteln macht Fritsch den Text zugänglich über das Erschrecken hinaus. Man erkennt die geradezu kindliche Angeberei in den Stellen, wo Sade seine Figuren ihre unbegrenzte Lust und Potenz behaupten lässt. Man bemerkt die kalte Künstlichkeit in den Stellungsarrangements von Dolmancé, eigentlich der perfekte Lusttöter. Und das „Ficken“ wird unbeteiligt in den Raum gesprochen, ein Lückenbüßer mit einem Erregungswert knapp über einem „Äh“. Zu alledem spielt Otto Beatus wunderbar Klavier, Motive aus Bachs Johannes-Passion, die oft elektronisch verfremdet werden und so einen Soundtrack zwischen Pathos und Horror ergeben. Aber auch Richard Claydermans „Ballade pour Adeline“ bietet das kitschig-spießige Gegengewicht zur gesprochenen Dauerregung.

Der Kontrast zwischen deklamierten Abscheulichkeiten und absurder Putzigkeit reichert Sades Erzählung an und ist hoch unterhaltsam. Lang anhaltender Applaus für ein groß aufspielendes Ensemble und eine vieldeutige Textdekonstruktion.

27., 31.12., 4., 5., 12., 25., 26.1., 2., 9., 16.2.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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