Herbert Fritsch inszeniert Ibsens „Nora“ in Oberhausen

+
Märchenhaft: Szene aus „Nora“ in Oberhausen mit Manja Kuhl und Torsten Bauer. ▪

Von Annette Kiehl ▪ OBERHAUSEN–Man kann ihre Arme drehen und ihren Kopf wenden, sie wie eine Schaufensterpuppe unter den Arm klemmen und versetzen: Nora ist so formbar wie eine Puppe, hinein geplumpst in dieses Haus mit dem giftgrünen Weihnachtsbaum im Hintergrund. Sie reißt die Augen groß auf, wenn ihr Ehemann sie anspricht, tänzelt im bauschigen Tüllkleidchen auf Spitzen hin und her, schüttelt ihr langes, roten Haar und leckt sich genüsslich-lasziv die langen Finger.

In dieser Rolle ist Manja Kuhl der Star der Oberhausener Inszenierung von „Nora oder Ein Puppenhaus“. So vielfältig und pointiert schildert sie mit ihren Bewegungen den Charakter und die Lebenssituation der Nora, dass das gesprochene Wort zur Hintergrundmusik gerät.

Regisseur Herbert Fritsch macht aus Ibsens gesellschaftskritischem Ehedrama aus dem späten 19. Jahrhundert ein düsteres Märchen. Die grelle Weihnachtsdeko bestimmt die Atmosphäre auf der ebenfalls von ihm gestalteten, dunklen Bühne, Klänge aus Hitchcocks Filmen „Psycho“ und „Vertigo“ weisen auf die Dramatik hin. Mit bleich geschminkten Gesichtern und blasser Kleidung (Kostüme: Victoria Behr) scheinen die Figuren dieser Geschichte ihren Gräbern entstiegen zu sein: ein Kuriositätenkabinett.

Vor dieser amüsant-makaber gestalteten Kulisse wird eine dramatische Familiengeschichte erzählt. Nora, das „Singvögelchen“ ihres Ehemannes Thorvald Helmer, trifft am Weihnachtsnachmittag auf die Schatten der Vergangenheit. Als schwarze Witwe tritt ihre längst vergessene Schulfreundin Christine düster und mit bedrohlichem Ton auf. Selbst in Geldnot, will sie wissen, woher Noras Vermögen stammt. Sie würgt sie, schaut unter die vielen Lagen ihres Rockes, wirft ihr eisige Blicke zu.

Tatsächlich holen die Lügen und Unaufrichtigkeiten der letzten Jahre die wohlhabende Ehefrau ein. Um die Gesundheit ihres Mannes mit einer teuren Kur zu retten, fälschte sie die Unterschrift ihres sterbenden Vaters für ein Darlehen. Der Anwalt, der ihr das Geld damals lieh, kehrt nun, selbst verarmt, als Erpresser zurück.

Im Getümmel der zwielichtigen Charaktere mag Nora zunächst als zerbrechliche Puppe erscheinen. Doch in ihrer Biegsamkeit, ihrer unaufhörlichen Aktivität und in ihrer Opferbereitschaft steht sie auch für die Frau als Dreh- und Angelpunkt der Familie. Mit Lächeln im Gesicht, doch getrieben von der drohenden Gefahr versucht sie, die Fäden zusammenzuhalten, Wohlstand und Glück zu bewahren. Durchaus mit egoistischem Hintergrund. Denn diese Nora ist kein Engel der Armen, sondern selbst geblendet vom Konsum. Wenn sie von den Geschenken für ihre Kinder erzählt, den Mund dazu hin- und herzieht und eine kurze Pirouette dreht, dann gefällt sie sich selbst in dieser Rolle.

Neben dieser starken Figur, die Manja Kuhl in einem körperlichen Kraftakt ausspielt, geraten die anderen Personen leicht zu Statisten. Der machtbesessene, doch naive Ehemann (Torsten Bauer), der Erpresser (Jürgen Sarkiss), Dr. Krank als eine Art Todesengel (Henry Meyer) – sie erscheinen fast austauschbar. Grau, in ihrem Egoismus verhaftet, blind für die Bedürfnisse anderer. Auch Nora Buzalka kommt in der Rolle der Christine nicht gegen die dominierende Nora an. Mit großen Gesten und furchteinflößenden Blicken unterstreicht sie ihre Macht, doch ist sie nur selten spürbar.

Dagegen steht einmal mehr Maja Kuhls Wandelung der Nora. Mit dem Bruch von ihrem Versorger und ihrem bisherigen Lebensmodell legt die „Puppenfrau“ das Maskenhafte und Künstliche ab, entspannt Mundwinkel und Glieder. Eine selbstbewusste und unabhängige Frau steht da, die sich auf ihre eigenen Stärken besinnt. Als offensichtliche Belohnung lässt Herbert Fritsch dann noch im Lichterschein Goldtaler auf Nora regnen. Das unterstreicht – sehr nah am Kitsch – die märchenhafte Atmosphäre seiner Inszenierung.

5., 12., 21.11., 3., 11.12.;

Tel. 0208/8578184,

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare