Fader Zornbrei: „Der Volksfeind“ von Henrik Ibsen in Münster

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Junge Leute spielen sich selbst: Maximilian Scheidt und Dennis Laubenthal als Zeitungsleute in der Inszenierung von Henrik Ibsens „Der Volksfeind“ in Münster.

Von Rolf Pfeiffer

Münster - Ein großer Haufen schrottreifer Fahrräder und eine mittelalterliche Stadtsilhouette prägen das Bühnenbild. Das Fahrrad, na klar, symbolisiert die Fahrradstadt Münster, und so muss das wohl bedeuten, dass dieser „Volksfeind“ überall spielen könnte, nicht nur im Norwegen des 19. Jahrhunderts, wo Henrik Ibsen sein Stück angesiedelt hatte. Allerdings ist von Ibsens Text nicht viel übrig geblieben, der Vermerk „Stückfassung von Florian Borchmeyer“ auf dem Programmzettel ist eine Untertreibung. Die Botschaft aber hat schlecht und recht überlebt, immerhin.

Auch das Personal hat fast vollständig überlebt. Da ist der ehrgeizige Badearzt Dr. Stockmann (Aurel Bereuter), der Krankheitserreger im Heilwasser nachweist, den Skandal öffentlich machen will, so den gewinnträchtigen Badebetrieb gefährdet und als Volksfeind ausgesondert wird. Seine Tochter wurde in der Münsteraner Fassung gestrichen, Frau Stockmann (Julia Stefanie Möller) hat ihren Lehrerinnen-Job übernommen.

Aus dem Buchdrucker Aslaksen (Frank-Peter Dettmann) wurde ein Herausgeber, die anderen sind alte Bekannte: zwei Zeitungsleute (Maximilian Scheidt und Dennis Laubenthal), ein skrupelloser Schwiegervater (Gerhard Mohr) und der Bruder des Volksfeinds, Bürgermeister Peter Stockmann, der die Veröffentlichung der Laborergebnisse verhindern will und dem Mark Oliver Bögel mit jovial-durchtriebener Bürokraten-Attitüde überzeugend Gestalt verleiht.

Die Vitalität, die das Spiel auszeichnet, hätte man sich für die Inszenierung (Frank Behnke) gewünscht. Doch die meisten Regieeinfälle sind alte Bekannte. So die Idee, den Zuschauerraum mit einem kraftvollen Lichtwechsel zum Zuhörerraum für Dr. Stockmanns aufrüttelnden Abendvortrag zu machen. Nach dem Hinauswurf Stockmanns werden einem Videoprojektionen von Prügeleien vor dem Theater nicht erspart. Und im letzten Akt müssen die Handelnden, warum auch immer, auf den Fahrräderberg kraxeln, wenn sie etwas zu sagen haben.

Enttäuschend gerät Stockmanns zentraler Monolog: Er prangert Korruption und Unmoral in der Welt an, beklagt Hunger, Krieg, Konsum, alles irgendwo angesiedelt zwischen Hedonismus, Verzicht und Untergang. Es ist die wütende Suada eines Pubertierenden, ein in seiner fahrigen Absolutheit fader Zornbrei, von dem man hofft, dass es bald vorbei ist. Doch die Figur des Dr. Stockmann, der sich auch bei Ibsen vom Sympathieträger zum querulantischen Einzelgänger entwickelt, verschwindet hinter diesem Allerweltstext. Hier hätte man sich in einer modernen Textfassung, wenn es schon sein muss, mehr Psychologie gewünscht, mehr inszenatorisches Interesse an der Entwicklung der Hauptfigur. Das Publikum reagierte mit vereinzelten Äußerungen von Langeweile.

Die Schauspieler, zumal die jugendliche Riege, geben ihren Figuren von Beginn an große Glaubwürdigkeit. Vielleicht spielen sie sich auch einfach selbst, jedenfalls gehören die eher alltäglichen gehaltenen Passagen zu den Erfreulichkeiten dieses Theaterabends. Man versteht, warum Münster seine Schauspieler heiß und innig liebt. Auch dann, wenn ein Ibsen mit Wörtern wie „krass“ oder „übelst“ über die Bühne geht.

Termine: 27., 28.12.2013, 4., 14., 15., 25.1.2014.

Karten Tel. (0251) 5909 100, theaterkasse@stadt-muenster.de

Quelle: wa.de

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