„Henri Matisse – Figur & Ornament“ im Picasso-Museum Münster

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Am bewegtesten ist die Kleidung: Henri Matisse malte „Lorette mit roter Jacke“ 1917. Zu sehen ist das Werk in der Ausstellung des Picasso-Museums Münster.

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Lorettes Blick lockt schon von weitem. Eigentlich hat Henri Matisse 1917 ein recht einfaches Porträt geschaffen. Und doch umgibt ein Hauch von Geheimnis die Frau, die scheinbar nur so auf dem Stuhl sitzt. „Lorette mit roter Jacke“ wirkt so gar nicht französisch. Eher wie eine Orientalin aus 1001 Nacht.

Das bewirkt die rote Jacke, auf die der Künstler offenbar die größte Mühe verwandt hat, um die Borten, die Musterung im Stoff, die Applikationen zu beschreiben. Der seltsam asymmetrische Kopf hebt sich deutlich ab aus der Tafel, die vor allem mit den Unterschieden zwischen ruhigen und bewegten Partien spielt. Das Bild kam aus dem Columbus Museum of Art in Ohio in die Ausstellung „Henri Matisse – Figur & Ornament“ ins Kunstmuseum Pablo Picasso Münster. Von Sonntag an sind mehr als 60 Exponate zu sehen.

Matisse war der Antipode Picassos, erläutert Museumsdirektor Markus Müller. Aber der spanische Maler respektierte seinen Rivalen, der lange in Südfrankreich ganz in seiner Nähe lebte. Gemocht haben sie sich nicht. Matisse (1869–1954) entwickelte eine eigenständige Bildsprache, abseits der kubistischen Experimente Picassos. Wesentlich dafür waren Einflüsse der nordafrikanischen Kunst, des islamischen Kulturkreises. Matisse bekannte sich zum Dekorativen, zum Ornament. Er fand dahin, indem er ein traditionelles Motiv der französischen Kunst umdeutete. Die Schau ist eine Kooperation mit dem Musée Matisse in Nizza, das die meisten Leihgaben zur Verfügung stellte und die Schau im Sommer 2014 übernimmt.

An den exotischen Haremsphantasien, mit denen Delacroix und seine Zeitgenossen im 19. Jahrhundert die Salons füllten, entzündete sich die Kunst von Matisse. Zunächst ging es ihm nur darum, Akte zu malen. Darum holte er sich Modelle in sein Atelier in Nizza, staffierte sie aus einem Fundus exotischer Kleider aus und malte sie als Odalisken. Einige dieser Textilien sind in der Schau zu sehen, erstmals in Deutschland. Dabei gewann, wie die Schau sehr schön zeigt, das Interesse an Mustern und dekorativen Details die Überhand. Er knüpft an der islamischen Kunst mit ihrem Abbildungsverbot und der Konzentration auf das Ornament an. In einem Blatt wie „Orientale mit Kleeblatt-Kreuz“ (Lithografie, 1929) fängt der Künstler noch recht konventionell die Pose ein, den auf den Arm gestützten Kopf. Aber das schwarzweiße Blatt wirkt ungewöhnlich bunt, weil Matisse wieder mit dem Dekor spielt. Gegen die schlichte Schraffur der Wand setzt er Wölkchen einer Bordüre, Häkchen eines Stoffmusters, Falten und Schwünge. An der Stelle löst sich die Illusion eines Abbilds auf in eine abstrakt belebte Flächigkeit. In der Federzeichnung „Junges Mädchen auf dem Sofa“ (1942) formt Matisse aus dem weiblichen Oberkörper ein Dreieck, der rechte Arm ist erhoben, hinter den Kopf gelegt, der linke ist aufgelegt und stützt.

Nicht, dass die Odalisken von Matisse ohne Erotik wären, im Gegenteil. Aber sein künstlerisches Interesse richtet sich auf das Spiel von einfachen, oft wiederholten Bildchiffren in der Fläche. In den 1940er Jahren schuf er Studienblätter, die er ganz mit Blättern, Blüten oder Wandfliesen füllte. Von hier führt ein direkter Weg zum Spätwerk, als er krankheitsbedingt nicht mehr malen konnte und stattdessen Collagen schuf, sozusagen mit dem farbigen Papier malte. Das Künstlerbuch „Jazz“ steht für dieses Spätwerk. Hier haben sich die einzelnen Elemente, die abstrahierten menschlichen Figuren, die floralen Zeichen, verselbstständigt und füllen die Fläche in einem sozusagen tänzerischen Rhythmus. Man sieht das zum Beispiel am Blatt „Der Messerwerfer“ (1947).

Es trifft sich, dass das Picassomuseum eine Ausgabe von „Jazz“ besitzt. So kann es diesem Kulminationspunkt eine eigene Wand widmen.

24.11.–16.2.2014, di – so 10 – 18, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0251/ 414 47 10,

www.picassomuseum.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 26,90 Euro

Quelle: wa.de

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