Henning Mankells Krimi „Der Feind im Schatten“

Vergreisen Schweden schon mit 60? – Henning Mankell bemüht sich krampfhaft, diesen beängstigenden Eindruck zu vermitteln. Sein Roman „Der Feind im Schatten“ setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Kommissar Wallander alt aussehen zu lassen. Von Bernd Luig

So gebrechlich und geisteskrank, dass für den zuverlässigen Bestseller-Garanten jede weitere Ermittlungsarbeit für immer ausgeschlossen bleibt. Die überraschende Rückkehr des populären Helden nach zehnjähriger Pause weckt Mitleid. Mühsam erschließt sich die arg konstruierte Kriminalgeschichte um die Geheimnisse eines ehemaligen schwedischen U-Boot-Kommandanten, der praktischerweise als zukünftiger Schwiegervater von Wallanders Tochter Linda seine besondere Aufmerksamkeit genießt. Die dominierende Spurensuche des Kommissars in eigener Sache rückt diese wenig fesselnde Rahmenhandlung weitgehend in den Hintergrund.

Gebetsmühlenartig führt der „letzte Fall“ des populären Ganovenjägers erschreckende Alarmzeichen vor Augen, untrügerische Indizien für Alzheimer. Wallander fühlt sich „wie ein Wrack“, spürt „den Fluch des Alterns“ und „den Atem des Todes im Nacken“. Immer häufiger erfassen ihn Panikattacken. Er verliert die Orientierung. Irgendetwas schaltet in seinem Kopf den Strom ab.

Wie ein roter Faden zieht sich die zunehmende Demenz des Kommissars durch die misslungene Abschiedsvorstellung. Erst vergisst er seine Dienstwaffe in einem Restaurant, später die fast schon klassische Bratpfanne auf der eingeschalteten Herdplatte und zu allem Überfluss fällt ihm auch noch eine Plombe aus einem Zahn. „Sein Körper zerfiel immer mehr“, stellt Henning Mankell erschütternd fest.

In „einer Zeit, in der das Alter heimtückisch immer näher heranschleicht“, taucht Wallander in brisante Kapitel der schwedischen Nachkriegsgeschichte ein. Es geht um russische U-Boote, die sich im Kalten Krieg zu Spionagezwecken der Küste näherten. Ein angeblicher Verräter bei der schwedischen Marine kommt ins Spiel. Und sogar eine Verschwörung hoher Militärs gegen Olof Palme deutet sich an. Die Ermordung des Ministerpräsidenten 1986 wurde nie geklärt.

Henning Mankell lässt die Qualitäten dieses Thrillerstoffes ungenutzt und verzettelt sich weiter bei Wallanders leidvollem Weg zur Zwangspensionierung. Der Autor gönnt seinem Helden sogar noch eine herzzerreißende Begegnung mit einer ehemaligen Freundin in Riga und ein flüchtiges Sex-Abenteuer bei einer aberwitzigen Recherchereise nach Berlin. Die zufällige Bar-Bekanntschaft in Oranienburg nimmt den alten Schweden längst noch nicht als Greis wahr.

Henning Mankell: Der Feind im Schatten. Zsolnay-Verlag, Wien, 529 S., 26 Euro

Quelle: wa.de

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