Helmingers „Zu schwankender Zeit...“ bei den Ruhrfestspielen

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Nah und doch zu fern: Brigitte Urhausen und Nickel Bösenberg in der Uraufführung des Stücks „Zu schwankender Zeit und am schwankendem Ort“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–„Faselhasen und Guggelmuggels“, schimpft Frau van Valen und diffamiert damit Mitarbeiter ihrer Firma. Die Chefin glaubt, Richard durchschaut zu haben. Seine Erklärung wird abgeschmettert („Hoffnung ist noch keine Strategie“), er ist nicht zu gebrauchen für das Consulting-Unternehmen. Diese Szene gehört zum Anfang von Nico Helmingers Stück „Zu schwankender Zeit und an schwankendem Ort“. Hier ist keine Balance spürbar, keine Ausgewogenheit, kein Verständnis. Hämisch und laut dröhnt das Lachen von Frau van Valen („die rote Königin“), die Christiane Rausch feist, selbstgefällig und allmächtig zeigt.

Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ist „Zu schwankender Zeit und an schwankendem Ort“ uraufgeführt worden. Im Theaterzelt sind Nico Helmingers Figuren zu hören, die sich im Tempo der neoliberalen Wirtschaftswelt verlieren. Helminger ist Träger des Luxemburger Nationalpreises. Seine Stücke behandeln den Verlust menschlicher Identität. Seit den 90er Jahren verdichtet sich dieses Thema in der zeitgenössischen Dramatik. Auch Helminger formuliert Gesellschaftskritik, die allerdings nicht aus einem Erzählstoff auf der Bühne entwickelt wird, sondern das Ergebnis soziologischer Analysen ist. Er hat sein Stück episodisch angelegt und folgt einem losen Bauplan, bei dem zwölf Figuren Alltagsszenen darstellen und sporadische Begegnungen erleben. Diese Methode, Wirklichkeit zu präsentieren, geht auf Erzählvorbilder zurück, die vor allem in Kino ein großes Publikum erreichten, wie der Film „Short Cuts“ (1993) von Robert Altman.

In Recklinghausen hat Anne Simon die soziale Quintessenz noch angespitzt. Sie stellt die Figuren in eine weiß grundierte Laborwelt, wo auf jeder Bewegung der Fokus liegt. Es ist ein multifunktionaler Ort, der aus viereckigen Modulen besteht, die Anouk Schiltz (Bühne) beweglich hält. Was hier verschoben wird und warum, scheint einer höheren Macht zu gehorchen. Menschen wirken irgendwie verloren. Eine Altenpflegerin (Gintare Parulyte) mault über ihren Dienst, zu dem sie zwangsverpflichtet wurde. Sie erzählt selbstvergessen von ihrer Zeit als Pornodarstellerin, als sie Teil einer Scheinwelt war („Ästhetik im Film“).

Fremdbestimmt sind vor allem die Alten. Ulrich Kuhlmann und Christiane Rausch geben ein herrlich versponnenes Doppel. Sie erwartet ihren Sohn Rolf aus Amerika, er erinnert sich an die Töchter. Aber Paare kommen in „Zu schwankender Zeit...“ nicht zusammen. Anna und Richard begegnen sich, sind arbeitslos, küssen einander, aber bleiben Illusion. In Zeitlupe werden sie ausgestellt, Musik dröhnt, so dass selbst das bisschen Romantik abgegriffen wirkt.

Es sind immer wieder Lebensversuche, die die Regisseurin Anne Simon so hilflos wie verletzlich spielen lässt („Ich weiß nicht, ob ich existiere“). Sechs Darsteller übernehmen zwölf Rollen. So werden die Figuren noch dichter zusammen gerückt und ihre Lebensnot noch potenziert. Brigitte Urhausen tanzt wie besessen, weil sie keine Liebe findet; Yannik Géraud gibt den Fremden, der das „Wunderland“ nicht versteht. Und Nickel Bösenberg spielt Männer, die den Frauen nachstellen, ihnen aber nicht wirklich nahe kommt. Ein abgeschmacktes Ritual, mehr nicht. Das Tragikomische im Stück geht dieser Inszenierung allerdings ab.

Quelle: wa.de

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