Helmi und Lovefuckers: Puppenspiele im Ruhrgebiet

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Tierisches Spektakel mit dem Helmi: Szene aus „Magnet der Affen“ ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN/BOCHUM–Etwas Schaumstoff und etwas bunter Stoff genügen beim „Helmi“, um aus einem Menschen einen Orang Utan zu machen oder einen Gorilla. Und wenn der Astronaut Taylor in den Tiefen des Weltalls mit seinem Raumschiff eine Notlandung meistert, dann ruckelt Felix Loycke ein wenig auf einem Stuhl. Den Rest erledigt die Vorstellungskraft der Zuschauer. Die Berliner Puppenbühne spielt am Theater Oberhausen die Uraufführung ihrer neuen Produktion „Magnet der Affen“.

Das klingt vertraut, und tatsächlich zeigt das Helmi eine Paraphrase des legendären Films „Planet der Affen“ mit Charlton Heston. Auch hier landet ein irdisches Raumschiff auf einer fremden Welt, in der die Rollen zwischen Menschen und Affen vertauscht sind. Der Orang Prof. Zaius wacht über die Religion der Affen, und die Menschenforscher Dr. Zira und Cornelius erkennen, dass Taylor über Intelligenz verfügt und nicht einfach Affen kopiert, wie alle Menschen. Bei der äußeren Handlung bleibt die Produktion dicht an der Vorlage.

Das gesellschaftskritische Drama aus dem Jahr 1968 wird allerdings ironisiert und verfremdet zu einem anarchischen Vergnügen. Hinter den grobschlächtigen Puppen bleiben die Spieler oft sichtbar, Anna Böger und Marek Jera halten als Zira und Cornelius einfach große Affenmasken vors Gesicht, als sei dies venezianischer Karneval. Perfektion wird hier nicht angestrebt, die Musikeinlagen werden mit Stromgitarre und Rumpelschlagzeug roh hingefetzt, gesprochen wird nah am Alltagston. Die Zusammenarbeit der freien Truppe mit dem Haus funktioniert gut, Eike Weinreich und Marek Jera aus dem Oberhausener Ensemble fügen sich bestens ein.

Der Witz ergibt sich aus der Unverfrorenheit, mit der die Helmis den Filmklassiker paraphrasieren. Dabei legen sie manche Untertöne frei. So sexualisieren sie konsequent das Geschehen, nicht nur, indem sie die abschließende Expedition nicht in die verbotene, sondern in die „erogene Zone“ führen lassen. In einer Szene stehen vier Affen hintereinander und wiegen sich in Paarungs-Hüftschwüngen. Offensichtlich bestimmt Sex das Denken der Affen. Warum auch ordnet Zaius die Kastration von Taylor an – übrigens schon im Film? Auch sonst rückt die Truppe das Geschehen an unsere Gegenwart heran, sei es mit Anspielungen auf das Berliner Flughafen-Debakel, sei es mit der Nachfrage, ob der Mensch auch „gechipt“ sei, sei es mit allerlei musikalischen Anspielungen wie dem Fernsehthema der US-Beatband Monkees, Herbert Grönemeyers „Mensch“ und King Louies Lied aus dem Dschungelbuch.

Der Abend oszilliert zwischen Genie und Dilettantismus. Nicht nur Fans alter Science-Fiction-Filme werden ihren Spaß haben am respektlos-wilden Treiben.

In Bochum war eine weitere freie Produktion mit Puppen zu bestaunen. Die Lovefuckers spielten beim prinz regent theater „Fixen – Die Ballade von der medialen Abhängigkeit“. Die Koproduktion der Revierbühne mit den Berliner Sophiensaelen erzählt kaum verfremdet die wahre Geschichte des Borderline-Journalisten Tom Kummer, der hier Tom A. Pollo heißt und der in den 1990er Jahren mit spektakulären Interviews für das SZ-Magazin Furore machte. Bis sich her-ausstellte, dass er mit den Stars gar nicht gesprochen hatte. In „Fixen“ kommt er in E-Mails an die Theatermacher zu Wort, in denen er zunächst sagt, seine Geschichte sei nicht bühnentauglich, und später die Hälfte der Gage fordert.

Die Lovefuckers lassen Sean Penn und Pamela Anderson als lebensgroße flache Körpersilhouetten auftreten, deren muppetähnliche Kürbisköpfe die Spielerin dahinter führt. Die Regisseure David Lynch, Quentin Tarantino und Lars von Trier treten als kleine Hampelmann-Puppen mit aufgeklebten Gesichtsfotos auf. Gesungen wird auch. Vor allem aber wird auch gezeichnet, und John Fleisch gelingt es mit Schablonen und einfachen Live-Strichen, das Zappen durchs Kabelfernsehprogramm in einer Wand aus Umzugskartons zu visualisieren, vom Golfkrieg in die Telenovela weiter zum „Weißen Hai“. Und man bekommt den Alltag eines Reporterteams in Los Angeles vorgeführt bis hin zur taumelnden und auf den Zebrastreifen kotzenden Passantin.

Erzählhaltung, Trash-Ästhetik und anarchischen Witz teilen die Lovefuckers mit den Helmis. Ihre schrille Produktion bot einen guten Kontrast im mittlerweile sehr auf bürgerliches Sprechtheater eingestellten Revier-Off-Theater.

Helmi: 19., 27.1., 9., 20.2.,

Tel. 0208/ 8578184,

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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