Helios Theater feiert 25. Geburtstag mit hellwach-Festival

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Sie leiten seit 25 Jahren erfolgreich das Helios Theater: Barbara Kölling und Michael Lurse.

HAMM -  Das Helios Theater, das seit 1997 in Hamm arbeitet, feiert seinen 25jährigen Geburtstag und startet am Freitag das 6. Internationale Theaterfestival für junges Publikum „Hellwach“. Helios ist in der Kinder- und Jugendtheaterszene ein Begriff. Das Leitungsteam Barbara Kölling und Michael Lurse hat Standards wie das Theater für die Allerkleinsten entwickelt, die es vorher so in Deutschland nicht gab. Achim Lettmann sprach mit ihnen im Hammer Kulturbahnhof.

25 Jahre Helios Theater ist eine Erfolgsgeschichte. Kinder- und Jugendtheater hat eine neue Position in der Bühnenkunst eingenommen. Was sind für Sie die Indikatoren dafür?

Barbara Kölling: Jetzt spielen auch die richtigen guten Schauspieler im Kinder- und Jugendtheater. Das ist ein großes Glück. Als wir angefangen haben, war der Dünkel so stark. Wenn du nie eine gescheite Presse bekommst, zu einem Kindertheaterstück, dann hast du keine Lust mehr, dich da aufzuhalten. Nur die leuchtenden Kinderaugen bringen es dann doch nicht. Michael Lurse: Die Szene hat viel gearbeitet. Wir sind ja nicht die einzigen. In Bonn haben sie einen Teil der Brotfabrik erspielt. In Gelsenkirchen ist die Zeche Consol umgebaut worden. Es gab Projekte, die den Blick der NRW-Landesregierung auf Kinder- und Jugendtheater gelenkt haben. Plus das NRW-Kinder- und Jugendtheatertreffen, das wir immer sehr aktiv betrieben haben. Seit über 20 Jahren hat sich das Kindertheater eine gewisse Öffentlichkeit erobert. Kölling: Man muss auch nicht immer so positiv denken, sondern sagen, da ist auch eine Not beim Theater, was den Zuschauer von morgen angeht. Man hat endlich begriffen, dass man sich um den zu kümmern hat. Genau aus dem Grund gibt es einen Aufwind im Kinder- und Jugendtheater.

Inspiriert in Frankreich und Italien entwickelten Sie das Theater für die Allerkleinsten in Deuschland. Wie wichtig war dieser Schritt für Ihre Theaterarbeit?

Lurse: Der hat im Rückblick für uns wahnsinnig viel ausgemacht. Das wussten wir aber nicht, als wir damit anfingen. Durch die Begegnung mit kleinen Kindern haben wir gemerkt, dass wir sämtliche Konventionen des Theaters nochmal hinterfragen müssen. Kinder waren der Sprache nicht mächtig, waren noch nie im Theater, viele kannten so einen dunklen Raum nicht, viele kleine Kinder kannten es nicht, mit vielen Kindern in einem Raum zu sein und und und. Wir haben dann auch experimentiert. Ein Kind ist während der Vorstellung um die Bühne herumgelaufen, und keiner hat es eingefangen. Okay, das haben wir zugelassen und erforscht, wie weit wir gehen können, ohne Mitspieltheater zu machen. Und dann haben wir gemerkt, dass unser Theateransatz, der ohnehin sehr sinnlich und performativ ist, dem jungen Publikum sehr entgegen kommt.

Grundlage für Ihre Arbeit ist die Vorstellung vom kleinen Kind. Welche Schlüsse ziehen Sie aus entwicklungspsychologischen Positionen?

Kölling: Anfangs wurde in künstlerischen Forschungen in Norwegen unterschieden zwischen „human being“ und „human becoming“, also werde ich ein Mensch in den ersten drei Jahren oder bin ich bereits ein Mensch in dem Moment, wo mein Herz schlägt. Und in Norwegen ging man davon aus, dass der Mensch da ist, wenn er da ist. Lurse: Das hat viel mit dem Spracherwerb zu tun. Viele Jahre hat man Kinder deshalb nicht für voll genommen. Erstmal müssen die sprechen lernen, bis dahin lässt man sie in Ruhe. Dieses Bild hat sich verändert. Das ist auch ein gesellschaftliches Ding. Auch die Betreuungsplätze sind für kleine Kinder ausgebaut worden. So sind kleine Kinder auch ein Politikum geworden. Man musste Geld in die Hand nehmen, um diese Einrichtungen zu schaffen.

Theaterspiel hat mehr Anerkennung gefunden. Schauspieler arbeiten in Schulen. Hat das dem Helios Theater geholfen?

Kölling: Wir waren ganz früh in den Schulen. Deshalb sind wir ja vor 17 Jahren nach Hamm gekommen, um solche Kontakte aufzubauen. Wenn das jetzt landespolitisch gefördert wird und auch bundesweit von Konzepten getragen wird, dann ist das für uns kein Novum.

Tritt das Helios Theater noch gegen TV-Serien an, die Eltern schnell einschalten, um ihre Kinder abzuschalten?

Lurse: Bestimmt tun wir das bei Jugendlichen, die Sehgewohnheiten haben. In der Begegnung zwischen Künstler und Publikum ist dagegen nicht viel zu spüren. Wir haben ja unsere Themen, wie bei „Glanz und Rost“, wo es um Metalle geht, um Entwicklungen, um Krieg. Wir reden darüber und bekommen dann mit, was im Fernsehen angeschaut wird. Ich habe aber nicht das Gefühl – das wird ja oft gesagt –, dass Kinder sich durch Medienkonsum verändert haben. Kölling: Wir betonen den Live-Charakter des Theaters, darin liegt die Stärke. Das lässt sich bei Kindern auch am direktesten beobachten. Wir merken das an den Fragen, die die Kinder nachherstellen. Was ist echt, wie echt ist das? Bist du so im echten Leben? So anfassbar zu sein, dass hat bei Kindern einen unschlagbaren Vorteil. Lurse: Was ich oft spüre, ist, dass Jugendliche und Kinder überrascht sind über das, was im Theater passiert. Viele kennen nur die Bedien-Kultur, wo sie in Film und Fernsehen bis zum Happyend bedient werden. Und haben gar nicht die Erfahrung mit Seherlebnissen, bei denen man im Hirn mitarbeitet. Aber das ist doch das, was wir alle wollen. Das ist doch der größte Spaß, wenn ich selber meine Bilder produziere, während etwas auf der Bühne passiert.

Was hat das Helios Theater den Erwachsenen beigebracht?

Kölling: Dass es Spaß machen kann, ins Theater zu gehen. Für den Erwachsenen selber mit seinem Kind, das man etwas gemeinsam erleben kann. Auch die Großeltern kommen mit. Viele haben keine große Theatererfahrung und dann kommt das über das Enkelkind zum ersten Mal.

Sie touren mit Ihrem Stück durch die ganze Welt. Wie wichtig war die Kooperation mit dem europäischen Netzwerk „small size“?

Kölling: Wir sind in das Netzwerk eingeladen worden nach unserem zweiten hellwach-Festival. Weil wir über das Festival einladen können, kommen Rückeinladungen, kommt Zusammenarbeit. 2005 sind wir gefragt worden, 2006 gab es eine kleine Unterstützung durch die EU. Dadurch hat sich viel entwickeln können. Festivals entstanden, Bücher sind herausgekommen, wir konnten zwei Filme realisieren über unsere Arbeit.

Theaterkrise wird oft als Finanzkrise dargestellt, sehen Sie auch eine künstlerische?

Kölling: Eigentlich nicht. Wir haben in den letzten Jahren immer neues Entwicklungspotenzial gesehen. Im Umfeld unserer Arbeit sehe ich die Krise nicht. Ich sehe die Krise für die reine Guckkastenbühne, für das Abonnentenpublikum, das wird aufhören. Man muss sich interdisziplinär begreifen, aber das passiert auch. Niemand kann sich eigentlich leisten, gar nichts mehr für Jugendliche zu tun. Nicht auch einen Jugendclub anzubieten. Das ist notwendig.

Sie sind aufgrund Ihrer Kulturarbeit zu Botschaftern der Stadt Hamm und des Land NRW geworden. Macht Sie das stolz?

Lurse: Ja! Dafür haben wir ja auch einen Preis bekommen, den Assitej 2009. Für unser Gesamtkonzept und das Internationale. Alle wollen das. Deutschland hat ja auch ein Goethe-Institut, um deutsche Kultur in die Welt zu tragen. So ist das auch mit uns. Bestimmt Leute finden das toll. Die Kunststiftung NRW findet die Koproduktionen mit europäischen Partnern wichtig. Manchmal glaube ich, dass die Politik in Hamm das nicht ganz mitbekommt.

Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit?

Kölling: Wir sind stolz auf unseren langen Atem. Hier die Möglichkeit zu haben, in diesem schönen Theaterhaus zu arbeiten zum Beispiel. In der Summe hat sich ein Puzzle zusammen gesetzt, das ein schönes Bild über die 25 Jahre ergibt. Wir möchten den Atem behalten, um diese schöne Arbeit fortzusetzen.

Das hellwach-Festival wird am Freitag um 18.30 Uhr im Hammer Kulturbahnhof eröffnet. Bis 19. Juni treten in Hamm, Ahlen, Bönen, Bergkamen und Lünen Gruppen aus Polen, Italien, Frankreich, Belgien, Ungarn und Deutschland auf; www.helios-theater.de

Das Buch: Über die Arbeit des Helios Theaters. 95 S., zahlreiche Fotografien, 10 Euro

Quelle: wa.de

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