Heike Makatsch in „Paris, Texas“ bei Ruhrfestspielen

+
Musik aus dem Westen: Heike Makatsch (von links), Steve Binetti und Manuel Harder in „Paris, Texas“. ▪

Von Anke Schwarze ▪ RECKLINGHAUSEN–Die Zeit kann einem lang werden, bei der Inszenierung von „Paris, Texas“ auf der Bühne des Festspielhauses in Recklinghausen.

Jene Zeit, die sich Sebastian Hartmann lässt, wenn er das Stück nach dem berühmten Roadmovie von Wim Wenders umsetzt. Sein Star Heike Makatsch darf vorm goldenen Vorhang eine lange Eingangsszene bestreiten, die einen Teil des Endes vorweg nimmt. Handlungsfetzen schließen sich an, die einen Bruchteil der Vorgeschichte enthüllen. Mit einer tristen amerikanischen Raststätte enthüllt der Vorhang den Ort des Geschehens. Keines linearen Geschehens. Sondern eher einer Abfolge von ausgedehnten Monologen, verzerrten Dialogen und grotesken Einzelszenen. Alles kostet Hartmann ausgiebig aus.

Worauf er hinaus will, wird schnell klar, wenn Yusuf El Baz in der Rolle des Jungen Hunter über Einsteins Relativitätstheorie sinniert. Zeit verläuft relativ, auf den Standpunkt bezogen. Also verweigert sich Hartmann einem definierten Blickwinkel, mischt Erzählstränge des Films mit eigenen Einfällen.

An sich eine gute Entscheidung, ebenso gut, wie viele einzelne Szenen. Leider vertraut Hartmann der Qualität von Wenders Geschichte zu wenig und überfrachtet sie mit Anspielungen, mit wiederholten Erlkönig-Zitaten (Vater-Sohn-Konflikt), Westernfilmen (Texas), vergreisten Schauspielern (demographischer Wandel). Warum muss der erwachsene Hunter (Maximilian Brauer) mit einer – gefühlt ellenlangen – Affenpantomime das Liebesbekenntnis von Travis gegenüber seinem kleinen Sohn Hunter übertönen? Dass die Menschen trotz ihrer hoch entwickelten Verständigung nie wirklich kommunizieren, hat jeder versandete Dialog längst klar gemacht. Das verletzliche Wiedersehen zwischen Travis und Jane stoppt Hartmann mit einer klamaukigen Tanzgruppe – nachdem sich Travis zuvor im Kugelhagel einer Videosequenz von „Ringos Stagecoach“ wälzen musste.

Schade, denn dieses Wiedersehen von Travis und seiner Frau wird von Hagen Oechel und Heike Makatsch intensiv empfunden. Fast zwei Drittel des Stücks verbringt Oechel in emotionslosem Schweigen, in der gelungenen Parodie eines Western-Anti-Helden, mit einer ernsthaften Portion von Bedrohlichkeit. Beim Wiedersehen darf er fast 20 Minuten sprechen. Und er tut dies in beeindruckender Monotonie, die die quälende Vorgeschichte des Paares umso auswegloser erscheinen lassen.

Jane sitzt in einer Peep-Show-Box und kann ihre Kunden nicht sehen. Heike Makatsch, die in der Leipziger Aufführung von „Paris, Texas“ ihr Leinwand-Debüt gab, hat diese feinen Nuancen in den Augen, als sie die Geschichte des „unbekannten“ Kunden als ihre eigene erkennt. Allerdings: Diese feinen Nuancen sieht der Zuschauer nur, weil Makatsch in dieser Peep-Show nicht auf der Bühne agiert, sondern ihr Gesicht auf eine Leinwand projiziert wird. Den Flirt mit der Kamera beherrscht die versierte Filmschauspielerin perfekt. Doch ein wenig bleibt sie den Beweis schuldig, dass ihr die Nuancierung ohne Hilfsmittel auf der Bühne gelungen wäre. Heike Makatsch darf dann noch mitten im Stück eine halbe Stunde lang singen – schön moduliert mit ihrer rauchigen Stimme, gehüllt in enges rotes Leder. Nett anzusehen und anzuhören, auch wenn es mit dem Stück nicht viel zu tun hat.

Eine der besten schauspielerischen Leistungen des Abends vollbringt Peter René Lüdicke als Travis' Bruder Walt. Seine verzweifelten Versuche, den stur schweigenden Bruder ins Gespräch zu ziehen, münden in Selbstgespräche. Lüdicke macht das faszinierend, weil nie langweilig. Er verkörpert durch und durch glaubhaft einen Menschen, der nur ein Bild von sich lebt, der um Antworten ringt, sich in seinem Wortschwall verliert, dabei gleichzeitig ein Sandwich mampft und eine Zigarette pafft.

Ein Sonderlob verdient Yusuf El Baz als kleiner Hunter. Der Junge spielt selbstbewusst mit dem Publikum und liefert eine bewegende Darstellung in der Rolle eines Kindes, das die Erwachsenenwelt nur begreifen kann, indem es sich für weiser hält.

Das Stück

In langsamer Abfolge. Sebastian Hartmann inszeniert bei den Ruhrfestspielen mit guten Szenen und etwas zu viel Symbolik.

Paris, Texas nach Wim Wenders in Recklinghausen

13., 14., 15. Mai;

Tel. 02361 / 92180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare