Heike M. Götze inszeniert „Maria Stuart“ in Bochum

+
Männer umstehen als Dekoration Bettina Engelhardt in der Bochumer Inszenierung von „Maria Stuart“.

BOCHUM - Die Königin macht sich erst einmal fit für das, was kommt. Johanna Eiworth schafft sich. Sie läuft auf der Stelle, flitzt über die Stufen der Landschaft aus Industriepaletten, tänzelt vor und zurück, alles zu dröhnenden Techno-Rhythmen. Sechs Männer schauen ihr stumm zu. Auch als sie den Bademantel ablegt, unter dem sie nur einen knappen Slip trägt.

Friedrich Schillers Drama „Maria Stuart“ beginnt am Schauspielhaus Bochum mit einem Work-Out. Heike M. Götze führt nicht nur Regie, sondern entwarf gleich auch noch Bühne und Kostüme. Sie strich das Personal radikal zusammen. Es bleiben Maria Stuart (Eiworth), die Königin von Schottland, und Elisabeth (Bettina Engelhardt), die Königin von England, die in einem politischen Ränkespiel um die Macht im Staat kämpfen. Dazu kommen sechs Männer, die meistens wie ein antiker Theaterchor agieren und auch sprechen. Nur manchmal schlüpft einer in die Rolle von Burleigh, Leicester oder Mortimer, um später wieder ins Kollektiv zurückzutreten.

Die Regisseurin abstrahiert das Geschehen radikal. An Psychologie bleibt wenig, wenn es nicht einmal klare Ansprechpartner gibt. So muss Maria ohne ihre Amme auskommen. Heike M. Götze geht es darum, die Rolle der Frauen im Patriarchat nachzuzeichnen. Dazu setzt sie auf starke Symbole, auf Typisierung und viel äußerliche Aktionen. Oft hat man den Eindruck, in einem Tanzstück zu sitzen. Dann umschwirren die sechs Herren eine der Königinnen in rastlosen Positionswechseln, wobei sie Stufen steigen, sich hinsetzen, wieder erheben, weiterrücken, kurz innehalten.

Der Körper wird zum Instrument in dieser Spielweise. Mal leckt einer der Männer der erhitzten Maria den Schweiß vom nackten Körper. Mal greift einer sie wie eine Puppe, schwenkt sie von rechts nach links. Ohrfeigen werden nicht zu knapp ausgeteilt. Küsse werden als Machtmittel eingesetzt, damit bringt mancher Mann die Königin zum Schweigen, aber auch Elisabeth stopft so ihrer Rivalin den Mund.

Die Darsteller werden extrem gefordert in dieser Inszenierung. Und besonders Eiworth und Engelhardt spielen grandios die Verhaltensmuster aus. Man muss nur den Umschwung sehen, wie Eiworth sich aus der Passivität, dem Ausgeliefertsein an den Mann löst und wieder in die Dominanz geht, gerade noch am Haarschopf hängend, dann überlegen lächelnd, mit Körperspannung. Aber die Handlung, selbst die Charakterisierung geht über der Stilisierung verloren. Die Herrscherinnen sind nicht voneinander abgegrenzt, zuweilen spricht die eine den Monolog der anderen stumm mit. Und wenn es am Ende für Maria zur Hinrichtung geht, stehen sie dicht beisammen, entkleidet, unter der lieblosen Waschung mit Schwämmen durch einen Knecht. Da sind sie beide verurteilt.

„So sind die Männer“, sagt Elisabeth einmal, „Lüstlinge sind sie alle!“ Das scheint der Schlüsselsatz dieser Inszenierung zu sein, und die Königinnen dürfen nicht mal richtig Schlangen sein, sondern rücken immer wieder in die Opferrolle. Und weil andererseits die Männer so gesichtslos daherkommen, einmal sogar alle unter Wolfsmasken, gibt es keine erkennbaren Gegenspieler.

Rein technisch ist der Abend souverän gearbeitet und sehr anspruchsvoll. Aber von der Menschenzeichnung Schillers, seiner Meisterschaft in Grautönen, die noch dem fiesesten Schurken gerecht zu werden versucht, bleibt bei dieser grellen Erzählung wenig übrig.

27.9., 6., 13., 28.10.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.