„Heavy Rain“ erneuert das Computerspiel

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Düstere Atmosphäre in einem Thriller mit vielen Möglichkeiten: Screenshot aus „Heavy Rain“.

Irgendwann hat man sich an diesen Regen gewöhnt. Diese Tropfen, die mal ein leichtes Trommeln, mal ein Rauschen erzeugen, und die aus einem scheinbar unerschöpflichen Reservoir vom Himmel fallen. Von Jens Greinke

Geräusche, die eine gewisse Melancholie im wahrsten Sinne ins Spiel bringen. Stimmungen, wie man sie aus den alten Schwarz-Weiß-Filmen kennt, als irgendwelche abgehalfterten Detektive der „Spur des Falken“ folgten. Oder aus Thrillern wie David Finchers großartigen „Sieben“. Aber „Heavy Rain“ ist kein Kino, es ist sozusagen ein Spiel-Film. Aber es dürfte für sein Genre genau so wegweisend sein wie Finchers Regie-Talent. Es gibt sogar vermehrt Stimmen, die behaupten, dass es sich hier um große Kunst handelt. Und wer selbst in die Welt von „Heavy Rain“ eintaucht, der bemerkt relativ schnell, warum man auf diesen Gedanken kommen könnte.

Der Plot des Spiels: In einer namenlosen Stadt der USA treibt ein Serienkiller, der es auf Kinder abgesehen hat, sein Unwesen. Der Spieler schlüpft in die Rollen von vier verschiedenen Protagonisten: eines gescheiterten Familienvaters, eines drogenabhängigen, aber sympathischen Privatdetektivs, eines jungen FBI-Agenten und einer attraktiven Foto-Reporterin, die alle in Kontakt mit dem „Origami-Killer“ kommen beziehungsweise ihm auf den Fersen sind. Das Besondere: Jede dieser vier Figuren kann ums Leben kommen, wenn der Spieler an entscheidender Stelle einen Fehler macht. Einen Reset-Knopf gibt es dabei nicht, auch kann das Spiel nicht zu einem früher gespeicherten Zeitpunkt neu gestartet werden. Alles ist unwiderruflich wie im echten Leben.

Das konkrete Ziel des Spiels offenbart sich lange nicht. Vor allem folgt die Geschichte keinem vorgegebenen Weg. Der Spieler bestimmt den Verlauf durch seine Entscheidungen selbst. Und er steht in „Heavy Rain“ vor Hunderten von Gabelungen. Einige Wege führen in die Katastrophe, andere zu einem Happy-End. Das Skript für das Game ist nicht ohne Grund 2000 Seiten stark. Weshalb das Spiel auch tagelangen Spielgenuss bietet. Man kann es mehrfach beginnen, es wird immer anders verlaufen. 22 verschiedene Endsequenzen soll es geben, die nach je gut 50 Kapiteln auf den Spieler warten.

„Heavy Rain“ hat seine gewollten Längen. Duschen, Toilettengang oder Kochen – immer wieder fließt der Alltag in die Handlung ein und Parallelen zu Simulationen wie den „Sims“ werden deutlich. Langweilig wird es aber nicht, im Gegenteil. Die Identifikation mit den Figuren wird umso intensiver.

Die große Kunst, die „Heavy Rain“ innewohnt, ist weniger die Grafik. Diese ist zwar hervorragend, doch gibt es auch in diesem Game weiter diese typisch staksigen Bewegungen der computer-generierten Figuren und diese beizeiten dämlichen Mimiken in deren Gesichtern. Dass der Spieler dennoch nach wenigen Minuten in den Sog dieses Spiels gezogen wird, liegt an dessen Emotionalität. Natürlich ist auch in „Heavy Rain“ die Geschicklichkeit gefragt, die großen Herausforderungen spielen sich aber auf weitaus subtilerer Ebene ab: der Spieler muss eine Gewissensfrage nach der anderen beantworten. „Mitfühlen“, „Retten“ oder „Gehen“ heißen die Optionen, wenn man auf eine suizidale Mutter trifft, deren Kind schreiend im Bettchen liegt. Die Entscheidungen müssen in Sekundenschnelle, sie müssen intuitiv fallen. Der Spieler gerät oft in einen Gewissenskonflikt, mal empfindet er Empathie, mal Abscheu. „Heavy Rain“ besitzt eine tiefe moralische Ebene. Ob man richtig oder falsch handelt, wird nicht aufgelöst. Einzige unmittelbare Konsequenz ist die, dass der weitere Verlauf der Szene sowie des gesamten Spiels von den jeweiligen Entscheidungen abhängt.

So gesehen ist „Heavy Rain“ die beste Simulation der Realität, die es bislang gegeben hat. Und ein Spiel, das andeutet, wozu dieses Genre in Zukunft noch in der Lage sein wird.

Quelle: wa.de

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