Haus der Geschichte in Bonn zeigt „Spaß beiseite“

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Humor West: Titel des Magazins „Titanic“ (1989), zu sehen in Bonn. ▪

BONN ▪ Am Anfang muss der Besucher sich entscheiden. Zwei Eingänge führen in die Ausstellung „Spaß beiseite“. Mit dem Eingang wählt man die Antwort auf die Frage, die auf Tucholsky zurückgeht: „Darf Satire alles?“ Am Ende erfährt man, dass die meisten sich für „Ja“ entschieden. Da fühlt man sich doch gleich gut aufgehoben. Deutschland versteht Spaß, zumindest wenn man im Museum nachfragt. Von Ralf Stiftel

Die folgende Schau im Bonner Haus der Geschichte entwirft ganz andere Szenarien. Mit rund 800 Exponaten, Film- und Tondokumenten wird die Entwicklung des politisch gefärbten Humors in Deutschland nach 1945 nachgezeichnet. Und dabei entsteht der Eindruck, dass immer, wenn einer einen Witz reißt, ganz viele andere diesen übel nehmen. Exemplarisch dabei ist Billy Wilders Film „Eins, zwei, drei“ von 1961, der seine Komik aus der ungleichen Liebe zwischen der Tochter eines Vorstandsvorsitzenden von Coca Cola und einem jungen Kommunisten aus Ost-Berlin bezieht. Zum Teil lag das daran, dass inzwischen die Mauer die Wechsel zwischen den Stadtsektoren unmöglich machte. Den Deutschen jener Zeit fehlte ohnehin die Distanz, um Wilders heute als Klassiker empfundenen Film komisch zu finden.

Die überaus materialreiche Ausstellung, die zuerst im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig zu sehen war, arbeitet ihr Thema weitgehend chronologisch auf, und folgt dabei einer Parität zwischen Bundesrepublik und DDR. Dadurch wird leider verhindert, dass ein richtiger Erzählfluss entsteht. Zu unterschiedlich waren ja auch die Voraussetzungen und die Ergebnisse politischer Spaßmacherei in den beiden Systemen. Selten berühren sich Sphären so wie beim Mauerbau, wo ziemlich unkomische West-Karikaturen auf ein zynisches Ost-Plakat treffen, auf dem DDR-Wachsoldaten von der SED propagandistisch unter dem Motto einer Fernsehshow posieren: „Da lacht der Bär“.

Humorlosigkeit bei den Verspotteten ist die Gemeinsamkeit zwischen Ost und West. Die Konsequenzen unterschieden sich. Sicher waren die Prozesse schmerzhaft, mit denen zum Beispiel Franz Josef Strauß gegen den Karikaturisten Rainer Hachfeld ins Feld zog, weil er nicht als kopulierendes Schwein gezeichnet werden wollte. Aber in der DDR ging es gleich um lange Haftstrafen. Und die denunziatorische Energie ist so furchtbar wie kurios, mit der zum Beispiel eine Studentin in Weimar ihren Professor bei der Stasi anschwärzte, weil der nach dem Muster von „B-A-C-H“ auf der Orgel improvisierte: „Es-e-d-s-c-h-eis- c-h-e“. Das Schreiben ist in Bonn zu studieren. Es schwebt eine seltsame Dialektik über dem DDR-Teil der Schau. Einerseits sieht man zahllose Beispiele dafür, wie die Bürger zumindest mit entlastenden Witzen der Staatsmacht etwas heimzahlen wollen. Andererseits waren die Kabaretts beliebt, wie der Bettelbrief einer Betriebsbrigade um ein Kontingent der knappen Eintrittskarten belegt.

Im Westen war das Verhältnis komplexer. Offiziell durfte man alles sagen. Trotzdem gab es Steuerungsmechanismen, von bösen Angriffen der konservativ dominierten Massenpresse bis zu Anordnungen im quasi-staatlichen Rundfunk. Das Kabarett zum Beispiel hatte eine heute unvorstellbare Reichweite in den Zeiten von nur drei Fernsehprogrammen. Von 1963 bis 1971 war es zu Silvester für viele Bürger geradezu ein Pflichttermin, den „Schimpf vor zwölf“ im Ersten Programm zu sehen, einen Jahresrückblick der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Es gehört zu Qualitäten der Ausstellung, dass man in O-Tönen und Bildern einige der Pointen von einst nachvollziehen kann, so wie man auch im mit Originalsitzen nachgebauten Kabarett einige der damaligen Akteure erlebt.

Sprengkraft bekam Kabarett in der Bundesrepublik mit Dieter Hildebrandt, der es immerhin schaffte, den Bayerischen Rundfunk zum temporären Ausstieg aus dem ARD-Programm zu motivieren, 1986, in der Ausgabe nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Immer wieder ein garantierter Lacher ist der Ausschnitt, in dem er den BR-Programmdirektor seinen besonderen Freund nennt und an einem Salatkopf (Freilandsalat war Symbolgemüse für Strahlenangst) Blätter abzupft: „Er liebt mich, er liebt mich nicht...“ Hildebrandt schlägt auch die Brücke zum Osten mit einem Ausschnitt aus einem Auftritt in Leipzig, wo er einen Zensor erwähnt, sofort einlenkt, den gebe es ja in der DDR nicht, um dann dem begeisterten Publikum zu übersetzen: „konstruktiver Geschmackskollege“.

Leider ist die Schau überfrachtet mit dem Versuch, auch noch die aktuelle Comedy-Szene abzubilden, den Karneval einzubeziehen, die Sponti-Späße von Friedensdemos und die Mohammed-Karikaturen (obwohl die doch in Dänemark erschienen). Für eine theoretische Durchdringung, ein wenig gedankliche Ordnung nur, ist da kein Raum. Stattdessen reihen sich Episoden ganz unterschiedlicher Qualität aneinander. Das ist an einigen Stellen vergnüglich, manchmal auch lehrreich, genügt aber nicht dem Anspruch einer Übersicht.

Die Schau

Viele Dokumente und Zeitzeugnisse zum politischen Humor in Deutschland nach 1945 – man hat was zu lachen, bekommt aber kaum Übersicht: Spaß beiseiteim Haus der Geschichte, Bonn. Bis 13.6., di – so 9 – 19 Uhr, Tel. 0228/ 91 650, http://www.hdg.de, Begleitbuch 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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