Hartware-Medienkunstverein zeigt „Digitale Folklore“ im Dortmunder U

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Als das Internet noch unendliche Weiten umspannte: Erinnerung an die Verschwörungstheoretiker-Community „Area 51“.

Von Edda Breski DORTMUND - Wer auf etwas oder jemanden überhaupt keinen Bock hat, ist umgangssprichwörtlich angepisst. Dafür gab es mal Peeman. Pixelig und für an moderne Webästhetik gewöhnte Augen ungelenk marschiert er über den Screen und schickt einen gelben Strahl auf das, was seinem Codierer gerade missfällt: Bill Gates, einen buntgestreiften Macintosh-Apfel, Drogen.

Wir schreiben das Jahr 1995. Junge Amateur-Webdesigner versuchen im Netz dahin zu gehen, wo noch niemand zuvor war. Das Internet, die große Baustelle. „Under construction“ steht auf vielen der Webseiten, die die Medienkünstlerin Professor Olia Lialina vom Stuttgarter Merz-Institut von dem 2009 gelöschten Freehoster Geocities gerettet hat. Für den Dortmunder Hartware-Medienkunstverein hat Lialina mit dem Medienkünstler Dragan Espenschied die Ausstellung „Digitale Folklore“ kuratiert, eine kleine, interessante Schau im Dortmunder U.

Peeman ist ein Überlebender der 90er, wie die twistende Frau im roten Rock, der am linken Bein ein Pixel fehlt. Wie das blaue Flugzeug, das in der Ausstellung auf 86 verschiedenen Webseiten durch Himmel und über Mauern trudelt. Willkommen in der Zeit der Gif-Animationen. „Das war die Zeit der Amateure, etwa 1995 bis 1997 oder 1998“, sagt Lialina. „Diese Amateurkultur gibt es nicht mehr.“

Anhand der Gif-Animationen zeigen Lialina und Espenschied, wie clever und witzig viele Versuche der ersten Webdesigner waren. Dazu gibt es künstlerische Arbeiten wie „Flexible Dancefloor Disco“ von Saskia Aldinger (2011). Sie bringt mit der Frame-Technologie tanzende Hawaii-Katzen, Karate-Figuren und Babies in konzentrische Rahmen, wie ein Kaleidoskop mit Hintertürchen.

Die Animationen stammen von insgesamt 400 000 rekonstruierten Geocities-Seiten. Die Präsentation ist einfallsreich. Sounds schwimmen durch den Raum: die Akte X-Melodie, Liegetöne vom Synthesizer. Über Kopfhörer kann man sich originale Midi-Soundfiles anhören. In einer Vitrine liegen Handbücher für Hobbycodierer, die wirklich nur noch als Museumsstücke zu gebrauchen sind: „How to jazz up your website in one weekend“ – an nur einem Wochenende zur schicken Homepage. Fehlgeschlagene Designversuche werden mit Dias, also obsoleter Technik, dokumentiert. „In den 90ern hat man sich überlegt, wieso man eine Webseite baut“, erklärt Lialina. „Man fragte sich: Bin ich eigentlich wichtig genug?“

„Digital Folklore“ thematisiert das, was Lialina das „volkstümliche Web“ nennt: nicht von Konzernen geformt, sondern von Usern gestaltet. Die Schau hat einen starken Nostalgiefaktor. Wer will, kann sie ansehen wie ein begehbares Katzenvideo (es wird übrigens ein Stammbaum des Katzen-Content im Internet gezeigt). Sie bespielt die Schnittstelle von Dokumentation und Kunst, bietet aber mehr als ein digitales Museum: Sie macht den Wandel von Seh- und Denkschemata sichtbar, der in nur etwa zwei Dekaden von der Internet-Kultur aus den Mainstream übernommen hat. Inzwischen sind für die meisten User Technik und Nutzung so weit voneinander entfernt, dass eine Animation zwar ästhetisch wahrgenommen, aber nicht weiter hinterfragt wird.

Das Spiel im Netz änderte seine Regeln, als die Profis kamen. Webdesigner, die sich beruflich etablieren wollten; Konzerne wie Yahoo, der 1999 Geocities aufkaufte. Verloren ging, so die These der Schau, eine anarchische Kultur, die freier und verspielter war als das, was heute auf Facebook ausgestellt wird.

Lialina und Espenschied archivieren Medien-Geschichte und erzählen dabei vom Smartphone-Nutzer von heute. Denn Selbstdarstellung in Social Media funktioniert anders. „Die Leute greifen heute auf vorgefertigte Formen zurück“, so Espenschied. „Die Fernseh-Ästhetik ist das bestimmende Element geworden.“ Wie geheime Ikonen tauchen gewisse Bilder wieder auf: Neben der animierten Frau im roten Kleid taucht auf einer Timeline der Po der „Mad-Men“-Schauspielerin Christina Hendricks auf.

bis 27.9., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr. Tel. 0231/49 66 420,

www.hmkv.de

Quelle: wa.de

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