Der Hartware Medienkunstverein präsentiert das Festival „New Industries“

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Der Anzug sitzt, das Lächeln auch, doch das Pappschild verrät den Banker: Das Foto von Gillian Wearing ist in Dortmund zu sehen.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Die Kommentare der schnarrenden Stimme sind kaum verständlich. Zwei Bildschirme leuchten im Dunkel des Ausstellungsraums im Dortmunder U. Ein Computerprogramm, der Trading-Bot ADM8, zockt mit 10 000 Dollar auf den internationalen Finanzmärkten. Er wird verlieren. Die Finanzmärkte entziehen sich der Rationalität eines Rechners. Paradox genug: Das Programm zeigt auf die Sekunde genau den Zeitpunkt an, an dem es das ganze Kapital verspekuliert hat. Damit endet die Performance.

Nicht bloß eine Ausstellung bietet der Hartware Medienkunstverein auf zwei Etagen des U, nein, gleich ein ganzes Festival. Das „New Industries Festival“ widmet sich dem Zerfall der Industrien und der alten Wirtschaftskonzepte. Im Zentrum steht die Ausstellung „Requiem für eine Bank“, in der auch die eingangs beschriebene Arbeit des französischen Kollektivs Rybn.org zu sehen ist. Erst in der Simulation des eigenmächtig spekulierenden Algorithmus offenbart sich die Absurdität jener Prozesse, die in die große Wirtschaftskrise führten.

Die Schau schildert den Niedergang einer quasi-industriell gewordenen Branche von ihrer Frühzeit bis zu ihrem Kollaps. Es beginnt mit einem Film, den Hans Richter 1939 im Auftrag der Zürcher Börse gedreht hatte. Mit monumentalen Bildern zum Beispiel von Staudämmen zeigt Richter, wie die moderne Industrie mehr Kapital braucht, als Einzelne mobilisieren können. Und er bildet ab, wie Börsenhandel einst funktionierte: Mit großen Wertpapieren, die ein Kunde im Anzug noch eigenhändig zum Händler brachte, der dann an der Börse anrief.

So beschaulich geht es heute längst nicht mehr zu, auch wenn die Algorithmen nicht überall die Macht ergriffen haben. Der norwegische Künstler Toril Johannessen hat eine Bahnhofsuhr mit einem Computer verbunden, der die Aktivität im Internet misst. Wächst der Datenverkehr, läuft die Uhr schneller. Man versteht bei dieser Arbeit die Wendung „Zeit ist Geld“ neu.

Und natürlich die Krise. Ein Klassiker ist das Foto, das Gillian Wearing 1992/93 von einem Londoner Banker machte. Es gehört zu einer Serie, in der sie ihren Modellen ein Schild gab, auf dem sie ihre Momentstimmung ausdrücken konnten. Der lächelnde Banker im Maßanzug hält die Botschaft: „I’m desperate“, ich bin verzweifelt. In der Sichtachse gegenüber zeigt der niderländische Künstler Aernout Mik ein Video von einem fiktiven Börsencrash. Der spanische Künstler Andrés Senra zeigt eine subversive Aktion an einer Pleitebank, ein Video zum Beispiel, in dem er den Schriftzug „Vivo sin dinero“ (Ich lebe ohne Geld) an einer geschlossenen Filiale befestigt. Und die Schweizer Gruppe Urban Think Tank dokumentiert mit Fotos, Texten und einem Film die Geschichte des Torre David in Caracas, der für eine Großbank geplant war. Aber der Bau wurde, auch wegen eines Finanzcrashs, nie vollendet. Den Rohbau besetzten750 Familien aus Armenvierteln, der Finanzpalast wurde zu einer Art Sozialwohnungsviertel.

Im selben Raum, aber als eigenständige Ausstellung, ist die Installation „Zugunsten einer Gesellschaft von morgen, die wir heute schon bauen“ zu sehen. Der Essener Künstler Axel Braun setzt sich darin mit der WestLB auseinander, montiert auf Wände, die aus Fenster-Elementen der mittlerweile leerstehenden Dortmunder Niederlassung zusammengesetzt sind, Textfragmente, die er der Firmenzeitschrift entnommen hat. Das ist eine aufschlussreiche, aber auch recht spröde Arbeit, die dem Betrachter einige Lesearbeit abverlangt.

Das Festival spannt den Bogen noch viel weiter, mit mehreren Aktionen im öffentlichen Raum, Diskussionen, einem Kurzfilmprogramm. Im Wechselausstellungsbereich des U ist das Projekt „Industrial (Research)“ zu sehen, das von Inke Arns, der Vorsitzenden des Hartware Medienkunstvereins, und Thibaut de Ruyter kuratiert wurde. Auf einem 22 Meter langen Tisch wurden Materialien ausgebreitet, die im weitesten Sinne mit dem Begriff „Industrial“ zu tun haben. Bücher von Marx’ „Kapital“ über Bildbände von Bernd und Hilla Becher mit Fotos stillgelegter Industriebauten bis zu Katalogen zu Ausstellungen in Industriebauten. Tonträger mit „Industrial“-Musik, von Kraftwerk, Throbbing Gristle, Laibach, die man über Kopfhörer auch anhören kann. Bildschirme mit Videos, die von Youtube heruntergeladen wurden. Objekte, die über E-Bay besorgt wurden wie Fabrikgebäude für Modelleisenbahner. Das Sammelsurium ist keine Ausstellung, sondern ist als Labor zu verstehen, in dem sich der Besucher nach Wunsch informieren kann. Ergänzend wird an Sonntagen eine Matinee angeboten, bei der Platten abgespielt werden. Kunst-Chillen mit Frei-Kaffee.

Festival New Industries bis 2.3.2014. Ausstellungen bis 26.1., di – so 11 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0231/ 496 6420, www.hmkv.de

Quelle: wa.de

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