„Hans Thuar – im Garten der Kunst“ in Opherdicke

Fensterblick auf eine rheinische Dorfidylle: Hans Thuars Gemälde „Blühende Obstbäume (Endenich)“ (1911) ist auf Haus Opherdicke zu sehen. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel -  Holzwickede–Es ist, als ob man in den duftig-weißen Flaum hineinfassen könnte, der die Obstbäume umschäumt. Mit fetter, cremiger Farbe hat Hans Thuar 1911 dieses Frühlingsbild gemalt. Grüne Tupfer im Vordergrund bingen uns Kohlköpfe vor Augen. Passanten, ein Gärtner an der Mauer, und der Himmel strahlt in sattem Blau. In diesem so heiteren Gemälde feiern die Farben ein Fest. Die Inspiration durch van Gogh ist unübersehbar.

Zugleich aber ist dies ein verkapptes, indirektes Selbstporträt, erläutert die Kunsthistorikerin Martina Padberg. Die Perspektive legt nahe, dass das Werk am Fenster eines Hauses entstand. Zu jener Zeit lebte Thuar (1887–1945) mit seiner Freundin unverheiratet in Bonn-Endenich. Es war ein Leben auf Distanz zur Umwelt, denn der Maler war an den Rollstuhl gefesselt. Als er elf Jahre alt war, verlor er durch einen Verkehrsunfall beide Beine. Die Kunst war vielleicht Kompensation.

Der Kreis Unna zeigt von Sonntag an die Ausstellung „Hans Thuar – im Garten der Kunst“ auf Haus Opherdicke in Holzwickede. Es ist die erste große Schau seit fast 20 Jahren. Die Koproduktion mit dem August-Macke-Haus Bonn zum 125. Geburtstag Thuars, kuratiert von Martina Padberg, bietet einen Querschnitt mit rund 100 Werken. Die Schau erinnert an einen Künstler, der mehr Nachruhm verdient hätte.

August Macke hat Thuars künstlerische Karriere angeschoben. Die beiden waren seit ihrer Kindheit befreundet. Macke, der über seine Kontakte zu Künstlergruppen wie dem Blauen Reiter gut vernetzt war, sorgte auch dafür, dass Bilder von Thuar in vielen Ausstellungen zu sehen waren. Auch auf der berühmten Sonderbund-Ausstellung von 1912 war er vertreten. Umso härter traf Thuar der frühe Tod des Freundes 1914 im Weltkrieg. Mehrere Jahre lang verfiel er in Apathie, malte nicht. Erst in den frühen 1920er Jahren begann eine neue produktive Zeit.

Allerdings konnte Thuar nicht von seiner Kunst leben, obwohl er eine Reihe von Porträtaufträgen erhielt. So versuchte er sich in verschiedenen Geschäftsfeldern, zum Beispiel einer Handlung mit ätherischen Ölen und Heilmitteln. Aber auch eine Tankstelle und ein Café betrieb er zeitweise.

Aus alldem erklären sich vielleicht die qualitativen Schwankungen in Thuars Werk. Die Schau auf Haus Opherdicke setzt Schwerpunkte in seinen stärksten Phasen. Im Gemälde „Drei Frauen im Grünen“ (1912) zeigt er die Figuren stark abstrahiert, fast gesichtslos, in städtischer Kleidung. Im Hintergrund sieht man angedeutet eine Fabrik – die Idylle ist gebrochen. Der Einfluss Mackes ist deutlich in der Konzentration auf Farbkontraste. Die Schilderung der Natur ordnet sich dem Rhythmus der grünen, roten, gelben Fabfelder unter. Und auch andere Kollegen vom Blaue Reiter hinterließen Spuren in Thuars Schaffen: Das „Reh in Berglandschaft“ (1914) weist deutlich auf Franz Marcs Vorbild hin.

In den 1920er Jahren arbeitet Thuar weiter intensiv am Thema Farbe. „Giebel“ und „Bootshaus“ (beide 1923) setzen die Zentralperspektive außer Kraft. Die Bilder wirken, als sei die Wirklichkeit in Schräglage geraten, als sei der Halt verloren gegangen. Im Bildnis setzt Thuar kubistische Elemente ein wie beim Porträt Franz Hahn (1923), in dem er die Lokalfarben verändert, den Hintergrund in eine kristalline Struktur abstrahiert. Im „Porträt W. Sch.“ steigert er die Farbkontraste zu höchster Expressivität.

Als die Nazis die Macht übernahmen, änderte sich für Thuar weniger als für andere Expressionisten. Seine Motive waren weniger anstößig, zumal er die Tendenzen der Neuen Sachlichkeit aufgenommen hatte und realistischer malte. Und er war nicht in Ausstellungen exponiert. Wegen seiner Behinderung konnte er sich nicht so gut in der Öffentlichkeit bewegen. So sieht man viele Stillleben, Interieurs. Manches davon atmet eine surreale Stimmung wie das „Stillleben mit Teepuppe und Kürbis“ (1935), wohl eine Atelierszene, in der die Teepuppe, die man zur Wärmedämmung über die Kanne zog, den Betrachter schelmisch anzulächeln scheint. In anderen Arbeiten verfestigen sich die Formen, wird Thuar konventioneller, aber sein früheres Werk blieb stets präsent.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 16.6., di – so 10.30 – 17.30 Uhr.

Tel. 02301/ 918 39 72

www.kulturkreis-unna.de

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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