Hannes Stein malt uns im Roman „Der Komet“ eine Welt ohne Weltkriege aus

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Witziger Gedankenspieler: Hannes Stein

Von Ralf Stiftel Wie schön hätte die Welt werden können, wenn der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in jenem Frühsommer 1914 wirklich einfach umgekehrt wäre nach der ersten Bombe. Wenn er gesagt hätte: „I bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus.“ Und der Erste Weltkrieg hätte nie stattgefunden.

Und der Zweite auch nicht. Stattdessen bestünde ganz Europa an der Wende zum 21. Jahrhundert aus aufgeklärten Monarchien. Deutschland würde von der weltläufigen Kaiserin Augusta I. regiert. Ein Kulturland, dem schon 1940 die Mondlandung gelang und das den Trabanten inzwischen zur Kolonie gemacht hat, die mit Linienraketen angeflogen wird.

Das ist die Welt, die sich Hannes Stein in seinem Roman „Der Komet“ ausgedacht hat. Das Genre ist bekannt, die Utopie einer parallelen Geschichte. Ein Pionier dieser Richtung war der Brite Robert Harris, der sich im 1992 erschienenen Roman „Fatherland“ eine Welt ausmalte, in der Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hatte. Hannes Stein, Kulturjournalist, aufgewachsen in Österreich, malt sich lieber das Positive aus. Auch wenn er auf die Erde der Jahrtausendwende einen Kometen zufliegen lässt. Schon um 1900 war das ein Motiv der Literatur, auch damals nahte ein Himmelskörper und löste Weltuntergangsfantasien aus.

Als Roman ist Steins Buch grandios gescheitert. Es gibt keine Konflikte, die für einen Spannungsbogen gut wären. Gewiss, da ist die ehebrecherische Affäre des russischen Emigranten Alexej von Repin mit Barbara Gottlieb, der Gattin des k.u.k. Hofastronomen. Aber da der gerade auf Mondreise ist und nichts davon erfährt, kommt es nicht mal zu einem Duell.

Das macht aber nichts. Das alles ist ohnehin nur ein Vorwand, damit Stein uns den Gang einer weltkrieglosen Geschichte ausmalen kann. Man sollte das Buch eher als Essay lesen. Man kann sich an einem schöneren Europa erfreuen, voller melancholischer Pointen. Die USA sind in Steins Buch hoffnungslos zurückgeblieben. Es gibt keine Laptops, sondern Klapprechner. Man kennt keine Anglizismen, sondern spricht deutsch. Die Welt trinkt nicht Coca-Cola, sondern Almdudler. Technische Führungsmacht ist Deutschland, das Elektroautos, Elektropost und Düsenzüge hervorbrachte. Und politische Metropole ist Wien, Hauptstadt eines kontinentumspannenden Österreichs, das sich mit zwei erfolgreichen Blitzkriegen gegen das Zarenreich und Deutschland Polen einverleibte (Stein übertreibt es nicht mit dem Pazifismus). Die Rolle Hollywoods hat auch Wien übernommen, wo für die Sascha-Filmindustrie ein gewisser Szczepan Szpilberg spannende Filme dreht. Franz Marc hat ein abstraktes Spätwerk geschaffen, Einstein ist auf dem Mond gestorben, Anne Frank avancierte zur deutschen Literaturnobelpreisträgerin. So lässt Stein seiner Fantasie die Zügel schießen. Die ernste Realität erläutert er in einem Anhang. Ein wunderbar absurdes Gedankenspiel mit reichlich Ratestoff aus witzigen Anspielungen.

Hannes Stein: Der Komet. Galiani Verlag, Berlin. 271 S., 18,99 Euro

Quelle: wa.de

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