Hanna Schygulla würdigt „Marieluise“ bei den Ruhrfestspielen

+
Hanna Schygulla in „Marieluise“. ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Riesige Blankobögen flattern herab wie weiße Papierblätter. Sie falten sich zur Bahre oder zum Schutzdach, sie flattern wie Gespenster. Und sie sind Hintergrund für Projektionen in der Inszenierung des Monologs „Marieluise“ von Kerstin Specht bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Gewidmet ist er der Schriftstellerin Marieluise Fleißer, und gesprochen wird er von Hanna Schygulla.

Sie hatte schon 1971 eine engere Berührung mit der Dramatikerin, damals spielte sie in der Fassbinder-Verfilmung der „Pioniere in Ingolstadt“ die Berta. In Recklinghausen ist sie ganz die verwunderte und verwundete Frau, voller Liebessehnsucht und einem Verlangen nach Freiheit, das diffus wirkt.

Das Stück entstand 2001 zum 100. Geburtstag der Fleißer und lief in den Münchner Kammerspielen unter dem Titel „Die Rückseite der Rechnungen“. Das ist der Raum, der der jungen Marieluise bleibt für erste Schreibversuche. In Recklinghausen stellt Alicia Bustamante Marieluise in die Mitte von Projektionsflächen. Ein Lederkoffer ist Sitzgelegenheit, Symbol für Unterwegssein und bietet Gelegenheit zum Anklammern (Ausstattung: Barbara Kraft).

Nostalgisch kokett tänzelt Schygulla, als sie von der Begegnung mit Lion Feuchtwanger erzählt, dann mit Bertolt Brecht. Ein Klavier spielt ein paar Takte Carmina Burana: Verweis auf urbayerische pralle Fröhlichkeit.

Im Mittelpunkt aber stehen Verletzungen, die Fleißer erfahren hat – von ihren Männern. Feuchtwanger kommentiert ihre ersten Stücke: „Expressionistischer Krampf. Aber mit 22 darf man sowas.“ Brecht inszeniert 1929 ihr Stück „Fegefeuer in Ingolstadt“ um. Einer der großen Theaterskandale der Weimarer Republik. Danach ist sie in Berlin unmöglich.

In Momenten der Verletzung ist die Schygulla hervorragend, sie ist die Schygulla. Sie raunt in diesem Frauen-Drama von Liebe, Verlassensein, Schreibenwollen. Von der Schärfe Fleißers, ihrer genauen Beobachtung hat der Monolog wenig. Ihre Fleißer ist eine Frau, die Männer braucht für den Ruhm. Auch spät noch. In den 60er Jahren wurde Fleißer durch Fassbinder, Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz wiederentdeckt.

Als Zugabe säuselt, flüstert und jubelt Schygulla Brechts „Lied vom kleinen Wind“ – ein starker Moment, der der Fleißer nicht gehört.

18.-20.5., Kleines Theater im Ruhrfestspielhaus, Tel. 0 23 61/ 92 18 0, http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare