Handkes „Immer noch Sturm“ bei den „Stücken“

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Rückschau aufs eigene Leben: Jens Harzer und Oda Thormeyer in „Immer noch Sturm“ von Peter Handke ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Die Reise in die Vergangenheit gleicht einem Sog: Bilder, Sprachfetzen, Befehle, Menschen tanzen auf, Erinnerungen werden hochgewirbelt, vermischen sich neu und hinterlassen eine Ahnung von dem, was Heimat war und Tragödie ist. Eine Zeitreise im Sturm.

„Immer noch Sturm“: Mit Peter Handkes Epos haben die 37. Mülheimer Theatertage ihren Auftakt gefeiert. Die Inszenierung des Hamburger Thalia Theaters mit den Salzburger Festspielen ist ein Blick in das Innere einer Familie und gleichzeitig eine Weltgeschichte, die keine großen Zusammenhänge scheut. Es geht um den Kampf von Kärntner Slowenen gegen die Nazis und um ihre Anerkennung. Nostalgie und Folklore treffen auf Kriegsgräuel und die Frage, was die eigene Identität letztlich ausmacht. Handke ist deutlich: Die Freiheit der Sprache, die typische Sprechweise der Heimat, steht im Mittelpunkt. In einem Kraftakt verschränkt das Ensemble die tragischen und poetischen Szenen mit ihren ironischen Brechungen um Handkes „Ich“ als Erzähler und seine Verwandten.

Über vier Stunden regnet es während dieser Erkundung grün-glitzernde Papierfetzen auf die Bühne. „Die Zeit soll weggehen“, beschrieb Thalia-Intendant Joachim Lux einen Anspruch der Inszenierung von Dimiter Gotscheff. Und tatsächlich entwickelt sich eine unwirkliche, schon meditative Atmosphäre im Saal der Mülheimer Stadthalle, die dieses herausfordernde Stück lange mitträgt. Im Schlussmonolog des „Ichs“ wirft Handke noch einmal über 45 Minuten monumentale Fragen um Schuld, Sühne und den Sinn des Lebens auf. Doch der Hauptdarsteller Jens Harzer hat Schwierigkeiten, die Spannung im Saal für diese Gedanken zu halten. Manches verpufft.

Mit „Immer noch Sturm“ ist Handke nach einigen Jahren Pause wieder im Wettbewerb um den mit 15 000 Euro dotierten Dramatikerpreis vertreten. Zuletzt war 2005 sein „Untertagsblues“ bei den „Stücken“ zu sehen, damals allerdings auf seinen Wunsch hin außerhalb der Konkurrenz mit anderen Autoren.

In seinem neuen Stück hat sich der Schriftsteller nun einem persönlichen Thema zugewandt: Seine Mutter gehörte selbst zur slowenischen Minderheit in Österreich und sein Vater war Deutscher, Handke wurde im Zweiten Weltkrieg in Kärnten geboren.

Mit „Immer noch Sturm“ liegt der deutlich politische Dramatiker und Mensch nun – sicherlich gegen seine Absicht – im Trend des „Stücke“-Jahrgangs 2012. Die Jury der Theatertage hat die besten neuen deutschsprachigen Theatertexte des vergangenen Jahres ausgewählt, und auffällig viele der Dramatiker setzen sich darin mit der Familie auseinander: So ist Anne Leppers tragische Satire „Käthe Hermann“ vertreten sowie Roland Schimmelpfennigs Drama „Das fliegende Kind“ über das Unglück in einer Kleinfamilie. Martin Heckmanns erzählt in „Vater Mutter Geisterbahn“ aus der Perspektive eines hochbegabten Zweijährigen. Und auch in Darja Stockers und Claudia Grehns Szenencollage „Reicht es nicht zu sagen ich will leben“ beeinflussen familiäre Beziehungen die Geschichte. Für den Wettbewerb ausgewählt wurde außerdem René Polleschs gymnastischer Monolog „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“; durch eine Erkrankung des Hauptdarstellers wird das Stück jedoch nicht am Festival teilnehmen.

bis 7. Juni, Tel. 01805/ 570070, http://www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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