28. Haldern Pop-Festival: Charmanter Stilmix

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Unfassbar schöne Melodien: Robin Pecknold von den Fleet Foxes aus Seattle. ▪

HALDERN ▪ Klezmer-Rap von einem jüdischen Kanadier namens Socalled, Tuba-Blasmusik-Ska mit niederbayrischem Idiom von La Brass Banda, Klänge wie aus eine 50er-Jahre-Gansterfilm mit Ragtime-Einschlag durch Miss Li, Ragga-Funk von der Dutt tragenden Belgierin Selah Sue mit ihrer Lolita-Ausstrahlung? Die musikalische Vielfalt beim 28. Haldern Pop-Festival als breit zu bezeichnen ist fast schon eine Einengung. Von Frank Zöllner

Seit jeher gilt dieser kleine Ort am Niederrhein als Hort musikalischer Entdeckungen. Er ist ein Tummelplatz für viele Genres, die sich unter dem Mantel „unabhängig“ zusammenfassen lassen. „Es ist für jeden etwas dabei“, sagt Festivalchef Stefan Reichmann.

Also der Reihe nach: Den Auftakt am Donnerstag machte das Festival erstmals mit Veranstaltungen in der örtlichen Kirche: mit zwei Konzerten und einer Öko-Oper der Künstlergruppe SpringerParker.

Von den insgesamt über 50 Bands beim Haldern Pop waren als „Konsensbands“ Wir sind Helden und The Wombats aus Liverpool mit ihrem mitreißenden und äußerst tanzbaren Powerpop aus Keyboard und Gitarren vertreten. Dass die Berliner Wir sind Helden bislang beim Haldern Pop zuvor noch nie aufgetreten waren, scheint fast unglaublich. Denn die Band um Sängerin Judith Holofernes passt perfekt in dieses Umfeld, und sie wollten endlich auf diesem kleinen Festival mit seinen 6 500 Besuchern (mehr Tickets werden nicht verkauft) spielen. Das machen sie mit großer Freude und nehmen das Publikum komplett für sich ein.

Ebenso mitreißend nimmt die Schwedin Miss Li ihre Publikum ein. Mit braunem Kleid und Hut verzaubert sie zusammen mit ihrer Kontrabass und Saxophon spielenden Band das Publikum. Einen kompletten Stromausfall überspielt die Gruppe charmant, indem alle Musiker in der Pose des zuletzt erzeugten Musikklanges verharren. Die Komponisten von Serien-Soundtracks („Lost“, „24“) überzeugen mit ihrem expressiven Vortrag.

Das gleiche gilt für Socalled aus Montreal und seine exquisiten Mitmusiker. Der Künstler, dessen Album auf dem Festival-eigenen Label erscheinen wird und der eine irre Mischung aus Klezmer, Hiphop und Blues mit osteuropäischem Einschlag präsentiert, ist nach seinem atemberaubenden Auftritt von den Begeisterungsstürmen seines Publikums sichtlich genauso überrascht wie zuvor seine Entdecker im Spiegelzelt, eine Art Nebenbühne für 700 Personen.

Laszives Quieken am Ende ihrer Lieder zeichnet die kecke Belgierin Selah Sue aus, die mit „Raggamuffin“ einen veritablen Hit landete. Falls es bei ihr so etwas wie eine dominierende Klangfarbe gibt, dann ist es hier wohl Folkrock.

Als neue Mumford & Sons könnten Dan Mangan gelten, die im Spiegelzelt kraftvolle Geschichten aus ihrer ländlichen Heimat den USA berichten. Gleiches gilt für die entrückten Fleet Foxes, am späteren Samstagabend der Hauptakt. In sich gekehrt und mit Leidensmiene trägt der Vollbart-Träger Robin Pecknold seine Hits mit unfassbar schönen Melodien wie „Makonos“ und „Montezuma“ vor.

Als entrücktes Wunderkind präsentiert sich der 22-jährige James Blake – und er gilt als Hohepriester der elektronischen Musik. Der Londoner arbeitet mit ungekannten Klangräumen und frisch produzierten Loops und Aufnahmen seiner eigenen Stimme.

Einen der begehrten Plätze am Abend auf der Hauptbühne bekamen Okkervil River: Sänger Will Sheff lieferte mit seiner komplett neuformierten Band kraftvollen, melodischen Rock.

Die Überraschung des Festivals ist die energiegeladene, niederbayerische Blaskapelle La Brass Banda. Die Gruppe um Frontmann Stefan Dettl präsentiert auf der Bühne ihren unterhaltsamen Stilmix aus Techno, Reggae und Ska. Zuvor spielte sich die fünfköpfige Band am benachbarten See ein – daraus wurde ein Spontan-Konzert für fünf vorbei kommende Bootsfahrer. Bevor die aus Übersee im Chiemgau stammende Band mit „Natalie / I scheiß auf di / Und die Partnertherapie“ schloss, gab es einen barfüßigen Marching-Band-Auftritt durch das Publikum – jetzt schon ein legendärer Festival-Moment.

Quelle: wa.de

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