Haldern Pop Festival begeistert mit Wilco, The Maccabees, Thees Ullmann und Co.

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Thees Ullmann dreht beim Musikfestival Haldern voll auf und begeistert sein Publikum. ▪

Von Frank Zöllner ▪ HALDERN–Obwohl er bislang noch nie beim „Haldern Pop Festival“ aufgetreten ist, schien es für Thees Ullmann so etwas wie eine Rückkehr zu sein. „Ich habe noch nie auf dem Dorf gespielt“, sagte der Sänger der Band Tomte, der derzeit zwar solo ist, aber auch in Haldern von Musikern begleitet wurde.

Der Wahl-Hamburger, der aus der niedersächsischen Provinz stammt, passte am Freitag mit seinen pompös vorgetragenen Innenansichten vom Lande perfekt an den kleinen Ort am Niederrhein. Der Sänger, der mit seinem Hit „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ den schönsten Rockliedtitel des vergangenen Jahres erfunden hat, lieferte eine energiegeladene Show, mit der Ullmann an sein großes Vorbild Bruce Springsteen erinnerte. Am Ende bedankte er sich artig bei dem von ihm als „Gefangenenchor“ titulierten Publikum. Und er hatte sich verliebt: „Als wir hier angekommen sind, habe ich ein Schild entdeckt, auf dem geschrieben stand: ‚Don‘t be angry, just 100 meters now‘. Wer so etwas macht, der ist mein Freund“, sprach Ullmann stellvertretend für alle ein Lob für die freundliche Grundstimmung aus, die in die Festival-Organisation eingebundene Dorfgemeinschaft ausstrahlt.

Ausgezeichnet ist es schon lange, was sich im 6000 Einwohner zählenden Reeser Ortsteil Haldern einmal jährlich im August ereignet. Und im Januar erhielt das Haldern Pop Festival den Titel „bestes kleines europäisches Festival“. Dabei bezieht sich das „klein“ nur auf die Besucherzahl, die wie immer auf 7000 Musikfreunde begrenzt ist. Denn in Sachen musikalischer Auswahl gehört das Musikertreffen am Niederrhein beständig zu den großen.

Das spiegelt sich auch darin, dass die Veranstalter wieder im Dezember „ausverkauft“ meldeten, obwohl vom Festival-Programm kaum etwas bekannt war. Das Vertrauen in die Auswahl an Musikern und Bands, die die Festivalmacher um Stefan Reichmann aussuchen, ist riesengroß – auch oder vor allem, weil in diesem Jahr die ganz großen Namen fehlen.

So gehören am Freitag die hibbeligen Nordiren von Two Door Cinema Club – die in diesem Sommer schon bei den Großfestivals Melt und Sziget vorspielten – zu den bekannteren Namen. Sie hatten viele Melodien im Gepäck – und die Mannen um Sänger Alex Trimble wissen, wie man tolle Pop-Songs macht, die man immer wieder hören will. Mitgebracht haben sie auch ihr neues Album Beacon, das Ende August erscheint und die neue Single „Sleep Alone”. Das Trio versteht es mustergültig, die Gradwanderung zwischen Indie-Gitarren-Hooks und schillernden Elektropop-Salven zu meistern. Und sie werden vermutlich bald ein hell leuchtender Stern am Pop-Himmel sein.

Überraschungen sind in Haldern fast schon Programm. So spielten die derzeit angesagte Chemnitzer Band Kraftklub ein Konzert zur Eröffnung auf einer kleinen Biergartenbühne, die nur am ersten Tag bespielt wurde, während parallel die örtliche Kirche erneut als Veranstaltungsort eingebunden wurde.

Ebenfalls deutschsprachig ist ein anderer Dauergast. König Boris war mit seiner derzeit pausierenden Hauptband Fettes Brot schon zweimal in Haldern, in der Nacht von Freitag auf Samstag bat er im schnuckeligen Spiegelzelt unter seinem anderen Künstlernamen „Der König tanzt“ zu eben diesen – und das sozialkritisch. Mit einem aufgemalten blauen Stern im Gesicht, seiner Melone und mit den Assistenten, die mit Taschenlampen das Publikum absuchten, erinnerte er an Alex aus „Clockwork Orange“.

Haldern ist aber auch ein Entdeckerfestival. So sind die putzmunteren Norweger von Team Me ein spannendes Projekt, die zwischen orchestralem Gewand, Simon & Garfunkel-Seligkeit gepaart mit Lärm-ausbrüchen, und hübschen Pop-Melodien („Dear Sister”) wandern. Was fehlte, waren zwischen den vielen Folk-Sängern erfrischende Frauenstimmen, wie die von Selah Sue, Lykke Li oder Rox aus den Vorjahren.

Für weitere große Momente sorgten am Samstagabend die britische Band The Maccabees, die mit ihrem voluminösen Power-Pop die Massen zum Tanzen brachten. Auch sie waren Rückkehrer wie Greg Dully, der mit verschiedenen Formationen wie Twilight Singers oder den Gutter Twins Dauergast ist und diesmal ein Reunion-Konzert der Afghan Whigs präsentierte, die sich vor genau 25 Jahren gründeten.

Ein Neuling im Line-up sorgte für den Abschluss – und dies war ein würdiger. Nicht nur Festivalmacher Stefan Reichmann durfte den unglaublich intensiven Gitarrenläufen und Melodienbögen von Wilco um Sänger Jeff Tweedy lauschen. Auch der Rest des Publikums war begeistert von der Mischung aus Folk, Americana, Blues und Rock. Sie stellten ein Best-of ihres acht Alben umfassenden Gesamtwerkes vor.

Und da kam zusammen, was zusammen gehört. Wilco gründete ein eigenes Plattenlabel, um maximale künstlerische Freiheit zu haben: Die Band aus Chicago ist quasi die Blaupause für die Grundidee des Haldern Pop.

Quelle: wa.de

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