Der Hagener Historiker Ralf Blank untersucht die „Ruhrschlacht“ von 1943

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Aufräumarbeiten am Bahnhof Hamm: Die Eilgutabfertigung erhielt bei einem US-Luftangriff am 4. März 1943 einen Volltreffer. Es war der Auftakt zur „Ruhrschlacht“, mit der Briten und Amerikaner die Kriegswende erzwingen wollten.

Hamm war nur der Anfang. Am Vormittag des 4. März 1943 griffen 16 Bomber der US-Luftwaffe den Rangierbahnhof der westfälischen Stadt an, damals eine der größten Bahnanlagen der Welt. 80 Sprengbomben, jede 454 Kilogramm schwer, prasselten auf die Stadt, 158 Menschen starben am Boden, die Amerikaner verloren 30 Mann. Es war der Auftakt zur „Battle of the Ruhr“, der Luftschlacht um das Ruhrgebiet.

Diese Luftschlacht sollte das westdeutsche Industriegebiet innerhalb von fünf Monaten in Trümmer legen. Der Hagener Historiker Ralf Blank stellt den Luftkrieg über Westdeutschland im kriegsentscheidenden Jahr 1943 in einer lesenswerten Studie dar.

„Ruhr“ war für die Alliierten ein Sammelbegriff für die Städte des Ballungsraums an Rhein und Ruhr; Köln, Münster und Paderborn eingeschlossen. Die Region war das ideale Ziel für britische Bombenangriffe: sie lag innerhalb der zunächst noch begrenzten Reichweite der Royal Air Force (RAF), war vollgepackt mit kriegswichtiger Industrie und bot mit den Essener Krupp-Werken auch noch ein Symbol erster Güte – die „Waffenschmiede des Reiches“ galt in Großbritannnien als „Hochofen des Teufels“.

Luftangriffe auf das westdeutsche Industriegebiet hatte es seit 1940 gegeben. Trotzdem hatten weder die Bewohner der Industriestädte noch die Führung von NSDAP und Luftwaffe eine Vorstellung davon, was sie 1943 erwarten sollte. Blank beschreibt ausführlich, was dem Inferno der Flächenbombardements vorausging: die Wirkungslosigkeit britischer Präsisionsangriffe, den Druck der Sowjetunion auf Briten und Amerikaner, im Westen anzugreifen, sowie die immer leistungsfähigere Navigations- und Luftfahrttechnik.

Eine Luftoffensive gegen das Ruhrgebiet passte ins Kalkül des Bomber-Chefs Arthur Harris (1892–1984), der mit Flächenbombardements die Kriegsmoral der deutschen Bevölkerung brechen wollte. Die britische Luftwaffenführung, die nicht immer einer Meinung mit Harris war, sah die mögliche Schwächung der deutschen Industrieproduktion. Und für Premierminister Winston Churchill (1874–1965) diente die Ruhrschlacht gegenüber den amerikanichen und sowjetischen Verbündeten als Nachweis britischer Aktivitäten. Für die unmittelbar Beteiligten, daran lässt Blank keine Zweifel, wurde es die Hölle auf Erden.

Bei 43 Luftangriffen von Briten und Amerikanern starben rund 16 000 Menschen am Boden, darunter auch zahlreiche Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Dortmund, Duisburg, Essen, Mülheim und Wuppertal wurden vollständig zerstört. Auch in den Flugzeugen war der Blutzoll beträchtlich: 5000 Tote verzeichneten die Alliierten, weitere 2000 Mann kamen in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Die Wirkung des Geschehens betrachtet Blank differenziert: Die Bevölkerung revoltierte nicht gegen das Nazi-Regime – obwohl die Luftwaffe das Ruhrgebiet nicht schützen konnte, die Partei mit der Bewältigung der Angriffsfolgen vollständig versagte und Propagandaminister Joseph Goebbels (1897–1945) ein Glaubwürdigkeitsproblem des Regimes befürchtete.

Die Rüstungsproduktion sei nennenswert gestört worden, urteilt Blank, weniger durch die Zerstörung von Produktionsanlagen als durch die Unterbrechung der Rohstoff- und Wasserzufuhr. Hätten die Briten im Sommer 1943 nicht von den Ruhrstädten abgelassen, wäre die Produktion bei Krupp und anderen Konzernen wohl dauerhaft zusammengebrochen, urteilt der Groß-Historiker Hans Mommsen im Vorwort. Der Angriff auf die Möhne- und die Sorpetalsperre, der zur Ruhrschlacht zählt, sei als Schlag gegen die Rüstungsindustrie durchaus „erfolgreich“ gewesen, so Blank. Getroffen worden seien dabei weniger die großen Ruhr-Konzerne als die mittelständischen Zulieferer in der Provinz.

Der Bombenkrieg gehört zu den Episoden des Zweiten Weltkriegs, die immer noch emotional diskutiert werden. Blank ist deshalb wohltuend um Sachlichkeit bemüht, beschreibt die Geschehnisse des Frühjahrs und Sommers 1943 bewusst nüchtern. Darin unterscheidet er sich von Jörg Friedrich, der mit seinem Buch „Brandstätten“ (2002) die Diskussion um Deutsche als Kriegsopfer in einer breiten Öffentlichkeit befeuerte, auf eine Einordnung aber verzichtete.

Blank lässt den Bombenkrieg nicht isoliert stehen, sondern sucht die Einbettung in den Kontext der nationalsozialistischen Aktivitäten: Hausrat für ausgebombte Familien wurde per Schiff ins Ruhrgebiet geliefert – die Möbel kamen von niederländischen Juden, die gerade in die Vernichtungslager gebracht worden waren. Und als 1943 die Städte an Rhein und Ruhr untergingen, setzten deutsche Truppen in Warschau zur Vernichtung des jüdischen Ghettos an. - Von Jörn Funke

Ralf Blank: Ruhrschlacht. Das Ruhrgebiet im Kriegsjahr 1943. Klartext-Verlag, Essen. 350 S.. 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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