Händels „Hercules“ an der Aalto-Oper in Essen

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Am Ende wird es blutig: Szene aus „Hercules“ an der Aalto-Oper Essen mit Almas Svilpa und Marie-Helen Joel. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Die Götter sind kein netter Verein. Vom Olymp herab wird geeifert, intrigiert und manipuliert und vor allem die eigene Größe inszeniert.

In diesen Eliteklub tritt Hercules, der Göttersohn, selbst ein, nachdem er eine ganze Oper lang gezeigt hat, dass er vortrefflich dorthin passt. In Essen geht „Hercules“ von Georg Friedrich Händel über die Bühne. Dietrich Hilsdorf macht aus dem mythologischen Stoff eine allzu menschliche Komödie. Die tragische Handlung – Hercules stirbt durch die Eifersucht seiner Gattin Dejanira auf die schöne Gefangene Iole – konterkariert Hilsdorf durch eine Verzerrung bis hinein in die Posse. Am Ende bleibt ein partyfröhlicher Haufen Menschen in Rokokokleidern übrig, Hercules' ehemalige Lakaien und Stiefellecker.

Hilsdorf verlegt die Handlung in einen ausrangierten Palast, von dessen Wänden malerisch der Putz bröckelt. Das hat etwas von verlassener Ausgrabungsstätte, mit Riesentüren, einem halb demontierten Altar, um den Staubschleier schweben, und einem gigantischen Himmelbett. Auf dessen Portieren hat der oberste Bühnenbildner Dieter Richter eine Höhlenmalerei appliziert.

Das Separée gehört Dejanira, die als eine Art schwarze Witwe erscheint, starr und machtvoll. Michaela Selinger schält mit beeindruckenden stimmlichen wie darstellerischen Mitteln aus dem Panzer der einsamen Frau die unglückliche Eifersüchtige heraus – bis in den Wahnsinn hinein. Auch die zweite Frauenrolle ist hervorragend besetzt: Christina Clark brilliert als Iole mit reinem, gut geführtem Sopran, sie klingt in der Höhe brillant und beweist in Schlüsselszenen eine beeindruckende Pianokultur.

Hercules ist so erfüllt von sich, dass er aus seiner Rolle als Held nicht mehr herauskommt. Almas Svilpa stolziert in L'etat-c'est-moi-Pose daher, das es eine reine Freude ist. Seine Stimme ist fast zu schwer für die Rolle, dennoch meistert er die Koloraturen, und wenn er klotzig klingt, passt das um so besser zu diesem Hercules, der mit sonnengolden gefärbter Haut und astralblauen Gewändern erscheint. So ein toller Hecht hat es gar nicht nötig, seiner Frau zuzuhören; statt dessen überschüttet er sich mit Eigenlob und liegt dann verdutzt auf dem Rücken, verwundert darüber, dass er bei Dejanira nicht landet. Es spricht für Hilsdorfs unaufgeregte Personenführung, dass er in einer stummen Szene auch Hercules‘ Tragik zeigt: Seinen Sohn Hyllus kann der Held nur mit pompösen Gesten begrüßen, seinen Jüngsten stemmt er fröhlich auf den Arm. Ein guter Einfall auch, Iole und ihre Mitgefangenen als Nornen in klassischen Wallegewändern herbeiführen zu lassen.

Dem Orchesterpart verleihen die Essener Philharmoniker Glanz, verstärkt durch ein Barock-Ensemble mit Laute und Orgel. Jos van Veldhoven führt sein Ensemble sicher, überwiegend transparent, mit nur gelegentlichen Wacklern. Ein Hörgenuss. Der Chor und Extrachor des Aalto-Theaters kommt auch darstellerisch zum Einsatz.

Geschickt und vor allem wohltuend unaufgeregt bricht Hilsdorf den Mythos ebenso wie den historisierenden Pomp der Händelzeit. Händel hat sich nicht festgelegt, ob sein „Hercules“ Oper oder Oratorium sei. Hilsdorf inszeniert eine Heldenanbetung mit theatralischen Mitteln, die er vorsichtig übertreibt. Im Finale wird Hercules blutüberströmt herbeigetragen. Er hat sich mit dem Kentaurenblut auf dem Gewand Dejaniras vergiftet. Ironische Pointe: Da fließt oder schmiert nichts, sein Blut ist schon starr. Nach erfolgter Himmelfahrt – Feuer verhüllt den Abgang – steigt noch vom Altar Rauch auf. Oder ist es Steinstaub?

Aber der verewigte Held kommt noch einmal wieder, und Regisseur Hilsdorf verschafft ihm einen wunderbaren Abgang: Mit grandiosem Lächeln ordnet der goldgekleidete Gott die irdischen Angelegenheiten, schubst Iole seinem zaghaften Sohn in die Arme, wirft ihm eine Kusshand zu und geht zur Seite ab.

12., 15., 17., 21., 25.12., 12., 16., 23.1., 3., 5., 13.2.;

Tel. 0201/ 81 22 200,

http://www.aalto-musiktheater.de

Quelle: wa.de

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