Gustave Caillebotte wird in der Frankfurter Schirn entdeckt: Ein Impressionist

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Alltagsszene von Gustave Caillebotte gemalt: „Pont de l’Europe“ (1876), zu sehen in Frankfurt. ▪

Von Matthias Kampmann ▪ FRANKFURT–Von der Pont de l’Europe schaut ein Mann hinab. Ein Paar in vornehmer Kleidung flaniert in hellem Tageslicht parlierend dem Betrachter entgegen.

Ein Hund zottelt den Trottoir entlang, dem Mann und der Dame entgegen. Das ist eins dieser bislang nicht allzu bekannten Gemälde des gleichfalls eher unbekannten Malers namens Gustave Caillebotte. Er firmiert unter dem Gütesiegel Impressionismus. Doch den hat der Künstler, der zeitlebens zwei seiner gut 500 Arbeiten ver- und wieder rückkaufte, verändert. Und wie! Das sieht man nun in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt: „Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie“, eine Schau mit 50 Arbeiten zumeist aus Privatbesitz. Das große Verdienst: Endlich sieht man Werke aus allen Lebensphasen. Es ist die ersehnte Beseitigung eines Desiderats. Außerdem gibt’s Schmackhaftes aus der Fotohistorie.

Ulrich Kohlmann, Kurator des fotografischen Parts und Leiter des Fotomuseums im Münchner Stadtmuseum, hat außergewöhnliche Arbeiten zu der von der freien Kuratorin Karin Sagner eingerichteten Werkschau in thematischen Gruppen hinzu platziert. Der Bezug zur Lichtbildnerei beschränkt sich keinesfalls auf die nur 46 Jahre währende Lebensspanne des Künstlers, der 1848 in eine steinreiche Familie geboren wurde und beispielsweise ein fahrendes, gläsernes Kutschenatelier besaß. Um die 150 fotografischen Arbeiten von den Bisson-Brüdern über Jean Eugène Atget bis zum großartigen Henri Cartier-Bresson flankieren nicht nur das malerische und zeichnerische Werk. Sie belegen ferner, wie richtungsweisend der Blick des Meisters für die Malerei selbst war. Die Stadt Paris galt als Hauptstadt der Fotografie, und sie diente Caillebotte als Fundus für seine visuellen Erweiterungen der Grenzen des damals malerisch Darstellbaren. „Eine Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann“, entstand 1880. Der Blick schweift von oben auf eine Kreuzung. Gemalt ist die Szene mit pastosem Schwung und kräftigem Duktus. Die Perspektive antizipiert den fotografischen Blick des frühen 20. Jahrhunderts. Vieles scheint in Caillebottes Malerei eine Vorwegnahme zu sein.

Im Grunde reizt die Ausstellung gleichsam zu Gedankenspielen über den Impressionismus, denn Caillebottes Faible für die Fotografie war keine Ausnahmeerscheinung. Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Kenntnis über Edgar Degas’ intensive Beschäftigung mit der Fotografie dazu anregte, sich von dem Klischee des im Freien auf die Schnelle dahin pinselnden Genies zu verabschieden, oder zumindest dieses Bild kritisch von Fall zu Fall zu hinterfragen. Bei Caillebotte sind diese Parallelen zum Fotografischen nun nicht nur aus der Anschauung ersichtlich. Betrachtet man die beiden Studienblätter zu den „Parkettschleifern“, erkennt man auf den ersten Blick wie „gemacht“ und erdacht sein Opus magnum ist, das neben den Skizzen im ersten Raum der sowohl thematischen als auch chronologischen Exposition hängt. Da hat alles den rechten Platz und ist geradezu perfekt realisiert. Impressionismus, so kann dann nur noch das Fazit lauten, ist auf jeden Fall auch traditionsbewusst und bedient sich klassischer Mittel. Er ist nicht vom Himmel gefallen. So deutlich wie diese Ausstellung direkte Bezüge des Malers zum Fotografischen belegt, hat man den Sachverhalt wohl noch nicht gesehen.

Außerdem sind es nicht nur Licht- und Farbenspiele, Netzhauteffekte oder Farbexplosionen und Auflösungen des Gegenstandsbezugs, die zum Tragen kommen. Auch die Dynamik des Bewegten hat Caillebotte studiert. Er gilt als derjenige, welcher das Abrollen eines Fußes zu seiner am Zeit am realistischsten darstellen konnte. Und siehe da: Es gibt eine versteckte Ikonographie. Sollte Caillebotte wirklich ein Pionier der Hinterfragung gesellschaftlich determinierter Geschlechterrollen sein? Ein Blick auf „Interieur. Lesende Frau“ von 1880 scheint das zu bestätigen. Die Indizien: Eine Frau liest Zeitung und ist überdeutlich im Bild exponiert. Im Vordergrund spielt sie die Hauptrolle, auch mittels Farbtemperaturen: das Sitzmöbel mit seinem rot-weichen Polster und dem warmen Holz. Quasi als Miniatur im Hintergrund ein Mann, der auf einem Sofa in kühlen Grün- und Grau-Tönen in einem Buch schmökert. Der mediale Rollentausch par excellence: Normalerweise las zu dieser Zeit Madame im Roman und ließ sich emotionalisieren. Der Herr wiederum hatte die Weltaufsicht qua Newsrezeption. Dass das hier umgekehrt ist, stellt so manche Erkenntnis auf den Kopf.

Gustave Caillebottes Gemälde sind köstlich. Sie sind zugleich auch zwingend avantgardistisch – für ihre Entstehungszeit zumindest. In Trouville malte er die „Wiese am Steilufer“. Das kleine Stück, knapp über 50 Zentimeter breit, zeigt in dem linken Bilddrittel einen Pfahl in einem Stück Grün, das nurmehr ein Viertelkreis zu sein scheint. Dahinter bleibt das blaue Meer, das direkt in den Himmel übergeht, gleichfalls fast reine Farbe. Hier zeigt sich ein extrem hoher Grad an Abstraktion. Das ist sensationell.

Warum zeigten ihn dann nur so wenige Museen? Er war nie vom Kunstmarkt abhängig, und in öffentliche Sammlungen kam er erst sehr spät. Auch weil er nie verkaufte. Leider befindet sich der Löwenanteil des Œuvres in Privatbesitz. Die Nachfahren des Malers scheinen Bild und Deutung in der Öffentlichkeit bestimmen zu wollen. Das ist nicht gut und entzieht ein Juwel der Öffentlichkeit. Das in Frankfurt sichtbare Zehntel reicht längst aus, um die Dimension dieser malerischen Güte erahnen zu lassen.

Die Schau

Ein Blick in die Kunstgeschichte mit überraschenden Einsichten.

Gustave Caillebotte. Ein Impressionist in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Bis 20. Januar 2013; Di, Fr – So 10 bis 19 Uhr, Mi, Do 10 bis 22 Uhr; Katalog im Hirmer-Verlag 29,90; Tel. 069/29 98 820

http://www.schirn.de

Quelle: wa.de

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