„Guido Reni trifft Andy Warhol“ in Paderborn

+
Große Gefühle gab Guido Reni seiner Heiligen Magdalena mit, zu sehen in Paderborn.

Von Ralf Stiftel PADERBORN - Tränenfeucht lässt Guido Reni die Hl. Magdalena den Blick nach oben richten, zum Himmel, zum Herrn. Aber der italienische Barockmeister malt die Heilige ausgesprochen weltlich. Er zeigt sie uns in Nahsicht, so nah, dass wir kein Kleidungsstück an ihr entdecken.

Und so schafft er es, dass das fromme Andachtsbild zugleich im Betrachter ganz unfromme Gedanken wecken kann, als sinnenfrohe Darstellung einer entblößten Frau, deren Ekstase vielleicht sehr weltliche Ursachen hat. Die Heilige wurde in der Überlieferung oft als Sünderin, gar Prostituierte gedeutet.

Zu sehen ist das schöne, um 1631/32 entstandene Gemälde in der Städtischen Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus Paderborn. Die Ausstellung „Guido Reni trifft Andy Warhol“ kombiniert zwei Werkkomplexe, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ungefähr die Hälfte der knapp 90 ausgestellten Werke stammen aus dem Barock, überwiegend von italienischen Meistern. Der Rest umfasst Kunst der Avantgarden des 20. Jahrhunderts, vom Futurismus bis zur Monochromie Yves Kleins.

System hat das nicht. Es ist Folge persönlicher Vorlieben. Ausgestellt ist die private Sammlung des italienischen Mediziners Francesco Martani, die normalerweise im Museumskomplex Ca’ la Ghironda in Bologna untergebracht ist. Der Paderborner Freundeskreis Mantua vermittelte Andrea Wandschneider, Direktorin der Städtischen Museen Paderborn, den Kontakt. Mit dem Resultat einer spannungsvollen Ausstellung mit vielen hierzulande kaum oder gar nicht bekannten Werken aus zwei Abschnitten der Kunstgeschichte.

Man kann hier sehen, wie Geschmack eine Sammlung prägt. Martani hat – bis auf wenige Ausnahmen – von jedem Künstler nur ein Bild erworben. Das macht die Ausstellung außerordentlich abwechslungsreich, auch wenn der Sammler eine Vorliebe für emotionsgeladene Figurenbilder offenbart. Der tränenschwere Blick zum Himmel findet sich nicht nur bei Renis Magdalena. Auch bärtige Greise wie der von Petro Novelli und der des Niederländers Hendrick van Somer wenden sich bewegt nach oben.

Aber man findet eine Fülle berühmter Altmeister in der Schau. Von Anthonis van Dyck sieht man das strenge Porträt eines Dominikaner-Mönchs. Der „Prophet“ von Il Guercino blickt nicht zum Himmel, sondern in einen alten Folianten. Mit weltlichen Motiven und (ausnahmsweise) zwei Werken ist Bernardo Strozzi vertreten: Seine „Allegorie der Musik“ (1630) ist eine Frau mit Laute und Oboe. Aber auch ihr Blick geht fromm zum Himmel, aus dem ein übernatürliches Licht auf sie fällt. In inniger Rückenansicht zeigt der Meister außerdem eine Frau (um 1629).

Ein wunderbares Wuselbild findet man in Jan van Kessels „Die Erde“. Die kleine Kupfertafel ist um die allegorische Frauengestalt und ihre Begleiter gefüllt mit Früchten, Pflanzen, Tieren: Vorne hocken zwei Affen, und im Geäst tummeln sich die Spatzen. Und zu Vergleichen laden zwei Versionen der Anbetung der Hl. Drei Könige ein. Valerio Castello inszeniert das um 1650 als großes Kino: In antiken Ruinen lässt Wind die Gewänder flattern, und die Besucher führen das ganze Repertoire an Hollywood-Gesten aus. Dagegen bietet Paolo Pagani ein Kammerspiel in Nahsicht. Nichts lenkt ab vom Geschehen, selbst zwei der Könige rücken in den Hintergrund, um die Konfrontation zwischen dem Kind und dem alten Mann nicht zu stören, der demütig den Blick senkt. Aber auch Landschaften und herrliche Stillleben wie die beiden Darstellungen mit Früchten von Michelangelo di Campidoglio sind zu bewundern.

Auf der Empore geht es dann ins 20. Jahrhundert. Und es ist ein spannender Kontrast, wenn durch das Gemälde des italienischen Futuristen Fortunato Depero schwungvoll eine Eisenbahn dampft. Nicht überall gelangen Martani solche Griffe, Giorgio de Chiricos spätes Gemälde „Figur des 16. Jahrhunderts“ (1937/39) lässt den rätselvollen Zauber der frühen Veduten vermissen. Aber das Stillleben von Giorgio Morandi (1958) ist bestrickend. Und René Magrittes „Die Rückkehr des Forschers“ (1926) mit seinen weißgrauen und grünen Wolken ist ungewöhnlich abstrakt für den belgischen Surrealisten.

In seinen modernen Bildern erweist sich der Sammler als besonders flexibel. Es gibt keine Konstante, keine verbindende Linie in der Kollektion, außer dass wir Bilder sehen, Malerei überwiegend und ein wenig Grafik. Ansonsten schätzt Martani offenbar das kleine Christus-Bild von Marc Chagall (1960) ebenso wie die knallige Expressivität des dänischen Cobra-Mitglieds Asger Jorn (o.T., 1956). Er ließ sich von Willem de Koonings Abstraktion einer Figurengruppe (1962) überzeugen wie von einer geometrischen Komposition Piet Mondrians (1937). Und selbst die Grenzgänger der Malerei, Yves Klein mit einem „Monochrome bleu“ (1958) und Lucio Fontanas geschlitzte Leinwand „Concetto spaziale“ (1962), sind zu finden.

Bis 27.9., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 05251/ 881 076,

www.paderborn.de/galerie,

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare