Tanz am Abgrund: „Cabaret“ am Grillo-Theater in Essen

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Verrückte, kaputte Welt: Jan Pröhl (links) gibt den Conferencier in dem Musical „Cabaret“ am Grillo-Theater Essen.

ESSEN - Schon nach wenigen Minuten schaut man erstaunt ins Programmheft: Hier steht wirklich das Schauspiel-Ensemble des Grillo-Theaters auf der Bühne? Keine ausgebildeten Musical-Darsteller? In Essen landet Reinhardt Friese mit „Cabaret“ einen veritablen Hit.

Von Katrin Pinetzki

Der temporeiche Abend ist ein Genuss für Auge und Ohr: beste Unterhaltung, schöne Stimmen, gekonnte Choreografien, klug inszeniert.

Berlin in den 1920er Jahren: Am Vorabend des Nationalsozialismus werden die Nächte durchgefeiert. Mitten in der Wirtschaftskrise wird gegen den Niedergang angefeiert. Fett tönt die Tuba im Kit-Kat-Club, schmierig klingt der Conférencier (Jan Pröhl), der mit kaum verhohlener Geilheit die Tanz-Nummern seiner „Kit Kat-Girls and Boys“ ansagt. Was Pröhl mit seinem maskenhaft geschminkten Gesicht, dem angeklatschten Seitenscheitel und in seinem schlecht sitzenden Frack beim Sprechen mit seiner lüsternen Zunge macht – das ist widerlich und großartig zugleich. Zur Live-Musik der achtköpfigen Kit-Kat-Band lässt er seine Cabaret-Puppen tanzen – alle Studierende an der Folkwang-Hochschule.

Der Star des Clubs ist Sally Bowles (Ensemble-Mitglied Janina Sachau, ein singendes und tanzendes Multitalent). Sie verliebt sich in den erfolglosen amerikanischen Schriftsteller Clifford (Thomas Meczele) und treibt alsbald sein Kind ab. Auch sonst fallen Schatten auf das leichte Leben: Cliffords Zimmer-Wirtin, das spröde Fräulein Schneider (Ingrid Domann) findet ihr Glück mit Obsthändler Schultz (Rezo Tschchikwischwili) und lässt es los, als ihr klar wird, dass ein jüdischer Gatte das Vermietungsgeschäft gefährdet.

Friese und Bühnenbildner Günter Hellweg verzichten auf jegliche Opulenz. Eine Showtreppe aus Glasbausteinen und hunderte Glühlampen am Boden bilden die Bühne, über den Orchestergraben führt ein Steg. Die Spielfläche für das 15-köpfige Ensemble wird arg reduziert – trotzdem gelingt es den Darstellern virtuos, die große Show ebenso in Szene zu setzen wie kammerspielartige Szenen. Wie filmische Überblendungen gehen die Szenen ineinander über – Umbauten braucht es nicht, nur ein riesiger Zylinder fährt herunter und wird zur Pension. Die fast leere Bühne, dazu die fast komplett in schwarz, weiß und grau gehaltenen Kostüme von Annette Mahlendorf und die Musiker unter Leitung von Hajo Wiesemann lassen das begeisterte Publikum atmosphärisch eintauchen.

Charakteristische Elemente aus dem Musical-Film

Stephan Brauer (Choreografien) hat mit sicherem Blick charakteristische und durchaus anspruchsvolle Elemente aus den Tanz-Nummern aufgegriffen, die aus dem Musical-Film mit Liza Minelli bekannt wurden.

Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, als das wirkliche Leben in Gestalt von Nazis in die Blase dringt. Am Umgang mit ihnen scheiden sich Geister und Paare. „Berlin ist vorbei“, resümiert Clifford und reist zurück nach Amerika. „Wenn die Nazis kommen, was habe ich für eine Wahl?“, fragt Fräulein Schneider rhetorisch. „Das ist gar nichts, das ist ein Lausbubenstreich“, sagt der jüdische Obsthändler. Sally will ihre Karriere nicht opfern und kehrt auf die Bühne zurück. „Life is a cabaret“ singt sie inbrünstig und mit soulig-warmer Stimme, dreht sich erstaunt um – alle sind weg. „Gute Nacht“, sagt der Conférencier, inzwischen ein Mephisto mit Hitler-Bärtchen. Trommelwirbel. Das Ende der Spaßgesellschaft.

Weitere Aufführungen: 19., 26., 31. Dezember. Karten unter Telefon 0201 / 81 22 200, www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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