Das grafische Werk von Henri de Toulouse-Lautrec in Hagen

Die Lithografie von Henri de Toulouse-Lautrec zeigt die Tänzerin Jane Avril 1893. Sie tanzt Cancan, zu sehen im Emil Schumacher Museum in Hagen. - Fotos (5): Sammlung Gerstenberg

Von Achim Lettmann HAGEN - Es schwingt, pulsiert und rauscht auf den Plakaten von Henri de Toulouse-Lautrec. Wer kennt sie nicht? Seine Bilder von Tänzerinnen, Chansonniers und Varietés sind Aufforderungen, etwas Neues zu wagen, dem Alltag eine Pause zu gönnen – Sehnsüchte inklusive. Der französische Künstler entwarf zwischen 1891 und 1900 rund 31 Motive für Werbeflächen in Paris und entwickelte dabei eine neue Bildquelle der Belle Époque. Die Großstadt wurde zum Bildträger einer visuellen Gattung, die modern, unkonventionell und expressiv war.

Im Erich Schumacher Museum in Hagen sind ab Sonntag rund 200 Exponate aus dem Werk Henri de Toulouse-Lautrecs (1864–1901), des „Meisters der Linie“, zu sehen. Es ist ein kleines Fest, das sich Museumsdirektor Ulrich Schumacher zum fünfjährigen Bestehen des Hauses gönnt: „Ein Geschenk an die treuen Besucher des Schumacher Museums.“ Erstmals wird damit die Sammlung Scharf-Gerstenberg im Ruhrgebiet ausgestellt. Bereits als Leiter des Quadrats in Bottrop hatte Schumacher mit einer Schau zu Toulouse-Lautrec geliebäugelt, nun kommt es Jahre später dazu. Und es lohnt sich, weil die Sammlung tatsächlich das gesamte grafische Werk Toulouse-Lautrecs von 350 Motiven bietet. In Hagen bleiben nur Einladungs- und Menükarten außen vor, sowie Bücher und Mappen für die Vitrinen gebraucht würden.

Dafür zeigen beispielsweise Lithografien mit der Tänzerin Jane Avril von 1893, wie die neue Bildkunst wirkt. Mit rotem Kussmund und Schlafzimmerblick wirft sie die Beine im Cancan-Rhythmus, während ihr Toulouse-Lautrec über die Schulter eines Contrabassspielers zuschaut. Notenblatt und Bühnenrand sind noch zu sehen. Der Zeichenstrich ist klar und simpel, große Farbflächen dominieren, und alles wird als Einblick kunstvoll gerahmt. Ideen, die Toulouse-Lautrec den japanischen Farbholzschnitten abgeschaut und weiter entwickelt hat, die seit 1860 Europa erreichten. Der Japonismus blühte. Das Interesse an der neuen Kultur stimulierte auch den Bilderkanon im alten Europa. Ohne klaren Mittelpunkt und geordnete Perspektive verschob Toulouse-Lautrec die akademischen Traditionen, die bereits von den Impressionisten unter Druck gesetzt wurden. So zählt der junge Künstler, der als adeliger Sprössling 1864 in Albi (nahe Toulouse) geboren wurde, zu den Postimpressionisten. Er kannte Vincent van Gogh, Pierre Bonnard und Édouard Vuillard. Als die Künstlergruppe Les Vingt ihre Bilder 1888 in Brüssel ausstellte, war er als Avantgardist dabei und anerkannt. Hier traf Toulouse-Lautrec auch Henry van de Velde.

Für die Ausstellung in Hagen ist das eine Verbindung. Karl-Ernst Osthaus, der Gründer des Museum Folkwang, sah Toulouse-Lautrecs Bilder in der Villa Bloemenwerf bei van de Velde in Brüssel. Osthaus plante mit den Plakatbildern für seine zweite Sammlung, das Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe.

Das Schumacher Museum in Hagen zieht Parallelen zu Emil Schumacher, der in seiner Zeit der Grafik neue Impulse gab – wie der Franzose im 19. Jahrhundert.

Initiiert hatte die neue Ausrichtung der Lithotechnik Jules Cherét. Der Drucker lernte in England die Chromolithografie kennen. Zurück in Frankreich vereinfachte er. Anstelle von 25 arbeitete Cherét nur mit drei Lithosteinen, so dass die Bildproduktion schneller und günstiger ausfiel. Mit seinem Neorokoko-Stil war Cherét erfolgreich. Er entwarf das erste Plakat fürs Moulin Rouge, das 1889 eröffnet wurde. Schon das zweite Werbebild für dieses Varieté stammt bereits von Toulouse-Lautrec 1891. „La Goulue“ ist im schwebenden Schritt hinter Jacques Renaudin, dem Knochenmann, zu sehen. Die Tänzerin Louise Weber hatte sich den Namen „Die Gefräßige“ verdient, weil sie auf Tischen tanzte und halbvolle Gläser leerte.

Das Arbeiterviertel Montmatre sollte Toulouse-Lautrecs künstlerische Heimat werden. Hier lernte er Aristide Bruant (1851–1925) kennen, den Gründer des Kabaretts. Auf Plakaten ist er mit rotem Schal und großem Hut zu sehen. Diese Bilder bewarben auch Bruants Auftritte im Pariser Ambassador und dem Eldorado, wo nur die Erfolgreichen vom Montmarte auftreten durften.

Toulouse-Lautrec macht keinen Unterschied zwischen seinen Plakaten und seiner Malerei. Als ihm ein Entwurf zu Jane Avril 1899 mit „Schlangenkleid“ vom Manager verworfen wurde, ließ er es auf eigene Kosten drucken.

Die Schau in Hagen zeigt eine Künstlerpersönlichkeit, die Zeitgeschichte visualisierte. In einer oktogonalen Ausstellungskoje sind Motive aus dem Radsport und von der Rennbahn zu sehen. Ganz sensibel porträtiert Toulouse-Lautrec Bordelle, wo er zeitweise lebte und die Frauen kennenlernte, die ihre Separée-Häuser nicht verlassen durften. Er zeigt melancholische Bilder und profane Alltagsmomente, selten, dass ein Freier mal aufgestellt im Bett wartet.

Und er begleitet die Stars, wie die Chansonsängerin Yvette Guilbert und die Schauspielerin Marcelle Lender, die im spanischen Fantasiekostüm 1895 ein lebendiges Wagnis abgab. In Deutschland löste das Bild einen Skandal aus – oh lala!

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, mit Vortrag von Götz Adriani, Toulouse-Lautrec-Kenner.

Bis 25. Januar 2015; di-so 11 bis 18 Uhr, Tel. 02331/207 3138

www.esmh.de

Broschüre 9,95 Euro, Buch zur Sammlung 16,80 Euro

Quelle: wa.de

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