Der Grafiker Samuel Jessurun de Mesquita auf Schloss Cappenberg

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Der Jugendstil lässt grüßen: Samuel Jessurun de Mesquitas Holzschnitt „Riesenreiher“ (1915). ▪

Von Anke Schwarze ▪ SELM–Gestochen scharf hebt sich der Blessbock vor einer mächtigen schwarzen Fläche ab. Erst aus der Nähe bemerkt der Betrachter, dass das, was von weitem wie eine klare Kontur aussieht, aus vielen feinen, kurzen Striche besteht. Für diesen Holzschnitt erhielt der niederländische Künstler Samuel Jessurun de Mesquita in den 1920er Jahren eine Auszeichnung in den USA. Damals war Mesquita bekannt. Aber er war nie bekannt genug, dass sein Ruhm seine Ermordung durch die Nationalsozialisten überlebt hätte.

Eine Ausstellung auf Schloss Cappenberg würdigt den fast vergessenen Grafiker. Unter dem Titel „Von der Linie zur Fläche“ werden rund 180 Drucke, Zeichnungen und Aquarelle von Mesquita gezeigt. Es entsteht ein Überblick über das Schaffen des Künstlers, der 1944 mit 76 Jahren umgebracht wurde. Auch wenn der Jugendstil in der dekorativen Linie, in flächenhaften Ornamenten aufblitzt – Mesquita verweigert sich einer eindeutigen kunsthistorischen Einordnung. Das macht den Reiz der Schau aus. Sie fasziniert durch verschiedene Motive und Spielarten, in denen sich Mesquita mit der Wechselwirkung von Linie und Fläche befasste.

„Mesquita war ein Einzelgänger, dessen Werk von wenigen verstanden wurde und der sich wenig beeinflussen ließ“, sagte sein Schüler und Freund M. C. Escher. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass Mesquitas Werk überliefert ist. Nachdem sie den Künstler verhaftet hatten, verwüsteten Nazi-Schergen sein Atelier, warfen Zeichnungen und Grafiken auf die Straße. Escher rettete an die 450 Werke. Die in Cappenberg gezeigten Arbeiten stammen aus der privaten Sammlung von Maria und Christian Ortwin Wolters. Sein Interesse an M. C. Escher führte Wolters zu Samuel Jessurun de Mesquita.

Mesquita wurde 1868 als Sohn spanischstämmiger Juden in Amsterdam geboren. An der Kunstakademie wurde er wegen mangelnden Talents abgelehnt. Stattdessen wurde er Lehrer für Kunsthandwerk und arbeitete im Kunstgewerbe. Er entwarf Dekorationsstoffe wie Vorhänge, Tischdecken und Möbelstoffe, unterrichtete Ornamentzeichnen und druckgrafische Techniken. Eine Vorliebe für dekorative Flächengestaltung behielt Mesquita in seinem grafischen Werk.

Mesquitas arbeitete gerne im Holzschnitt. Er brachte es in dieser eher schwerfälligen Technik zu großer Meisterschaft. Davon zeugt das Bildnis einer liegenden Frau, über deren Unterkörper ein fein gewebtes Tuch fließt. Die stoffliche Transparenz konnte Mesquita mit den unflexibleren Holzschnittwerkzeugen erhalten. Der kontrastreiche Holzschnitt bietet wenig Raum für Schattierungen zwischen Weiß und Schwarz. Mesquita fängt das auf, indem er flächige Partien durch unterschiedliche Muster oder gegenläufige vertikale und diagonale Linien abgrenzt.

Die unteren Räume dokumentieren Mesquitas Faszination für exotische Tiere. Gerade die Tier- und Pflanzendarstellungen zeigen, dass sein Schaffen im Jugendstil begann. Objekte werden zur ornamentalen Linien stilisiert, wie eine schlanke Iris in einem hochformatigen Holzschnitt. Tiere bildet Mesquitas gern im Profil ab.

Die Ausstellung greift Mesquitas Vorliebe für Grotesken auf. Scharf gezeichnete oder in Holz geschnittene Fratzen belustigen und verstören. Wie bei den Tieren, so nimmt sich Mesquitas auch hier die Profilansicht vor, verleiht ihr Hakennasen, Schweinerüssel, vorgestülpte und lüsterne Lippen. Der seraphische Jude karikiert seine Glaubensgenossen ebenso wie den niederländischen Mittelschichtler. Diese Assoziationen bleiben allerdings dem Betrachter überlassen. Mesquita betitelte seine Werke lapidar mit „Köpfe“.

Samuel Jessurun de Mesquita auf Schloss Cappenberg.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr; bis 24.7., di – so 10 – 17.30 Uhr, Tel. 02306/ 71170, www. kreis-unna.de, Katalog 24 Euro

Quelle: wa.de

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