„Götterdämmerung“ in Essens Aalto-Theater

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Die ganze Welt passt in eine Kiste. Was stört, wird handlich verschnürt. Ein Karton dient in der Essener „Götterdämmerung“ als Chiffre für nutzlosen Machtwillen und Deutungsanspruch. Siegfried kommt nach seinem Tod hinein. Brünnhilde wird per Pappkarton an den Gibichungenhof spediert. Alberich erscheint seinem Sohn Hagen aus der Kiste,  als Judenkarikatur.

An dem Ring im Essener Aalto-Theater waren viele „Schmiede“ beteiligt: Intendant Stefan Soltesz setzte auf vier Regisseure für die Ring-Tetralogie. Jeder lieferte seine eigenen Aufreger. Nach Tilman Knabes und Dietrich Hilsdorfs Überspitzungen, nach Anselm Webers übergroßer Zurücknahme im „Siegfried“ nun der Kosky: plakativ, ein wenig shocking, klug. Essen ist nur der Erstdurchlauf für die Inszenierung: Sie gehört in Koskys Ring für Hannover.

Das Vorspiel wird zum Vorspann für einen Film der „Walhall Studios“. Wotan und Siegfried als Muppetshow, die Weltesche als Brokkolistämmchen. Hugin und Munin, die Raben, fliegen als Vögel mit Menschenköpfen. Zum Filmriss kommt es, als den Nornen das Seil kaputtgeht. Im Prinzip ist da schon alles erzählt. Kosky reduziert die Oper, arbeitet mit leeren Räumen, stellt Kulissen hinein, die – wie der Prunksalon der Gibichungen – wie Scherenschnitte ihrer eigenen Klischees wirken. Der Walkürenfelsen als Behausung des abgehängten Prekariats (Bühne und Film: Klaus Grünberg). Der Blick geht auf Seitenbühnen, Kulissen anderer Produktionen. Dorthin werden im Finale alle Figuren abgehen.

Genialer Griff: Kosky bringt Erda, die in der Götterdämmerung eigentlich nur als motivische Reminiszenz auftaucht, als stumme Rolle auf die Bühne. Eine kleine, nackte Frau (Margareta Waterkamp) beobachtet den Zirkus absurder Figuren – die einzig Würdevolle. Sie nimmt am Ende den Ring an sich. Der Rest ist ein Panoptikum demontierter Gestalten: Gunther (überzeugend: Heiko Trinsinger) ist ein Schlaffi, der sich hinter Hagen versteckt. Auch Gutrune (Francisca Devos als müdes Luxusweib) hat nichts zu melden. Sie säuft Sekt, bevor sie sich an Siegfried (Jeffrey Dowd) heranpirscht. Der Held ist total tumb: Als Halbstarker mit Motorradhelm und Aufreißerattitüde schmeißt er sich Gutrune passgerecht auf den Tisch. Hagen (machtvoll und klotzig: Attila Jun) ist ein Gewaltmensch, der bei den Mannen den Demagogen spielt. Klaus Bruns hat dem Chor des Aalto-Theaters Hörnerhelme aufgesetzt – Seitenhieb auf die Wagnersche Rezeptionsgeschichte. Ansonsten trägt Mann Glatze. Große Szenen, Getümmel gibt es wenig; es wird viel gestanden. Hagen sitzt unterm Kronleuchter und singt trotzig „Hier sitz ich zur Wacht“. Bevor sich die bildgewaltige Szene selbst überhöht, folgt die nächste Brechung.

Die Rheintöchter sind Revuegirls und bringen mit: blutverschmierte Pickelhaubenträger; ein golden girl als Frau Sonne; einen Wotan mit Flügelhelm, der sich vom Juden Alberich begatten lässt. Der Steinbruch Mythos. Übrig bleibt: viel Müdigkeit. Der Ring wird konsequent vom Weltendrama heruntergebrochen. Bei all den Exaltiertheiten zeigt Kosky kurzweilige Bilder traurigen Verfalls. Im Finale riskiert er, den traurigen Abgang der Helden als solchen zu zeigen. Kein Brand in Walhall.

Was Kosky entwirft, erzählt das Orchester zu Ende: Intendant und GMD Stefan Soltesz leistet am Pult Hörenswertes. Klar und durchdacht, schlank und federnd klingt seine „Götterdämmerung“. Mit orchestraler Glanzentfaltung geht er vorsichtig um, der Verfall auf der Bühne klingt in fahlen Farben und achtsam behandelter Dynamik durch. Erst im Finale brennt und strahlt es im Orchestergraben, da findet der Ring sein erlösendes Ende.

Sängerisch sind die Leistungen solide: Caroline Whisnants Brünnhilde wird durch schneidende Töne und heftiges Vibrato getrübet. Jeffrey Dowd lässt sich nach Erkrankung ansagen und steht die Partie im Schongang durch. Attila Jun trumpft als Hagen auf. Heiko Trinsingers Gunther überzeugt in Stimme und Gestaltungskraft. Ieva Prudnikovaite ist eine feurige Waltraute.

Quelle: wa.de

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