Goethes „Faust I + II“ in Essen ist ein Lebensdrama voller Männerschuld

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Auf Faustischer Sinnsuche: Tobias Roth (von links), Andreas Meier, Jan Pröhl, Thiemo Schwarz, Sven Seeburg und Stefan Diekmann (Mephistopheles) in der Essener Premiere von „Faust I+ II“ ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Launig, gewitzt und erhellend rezitieren sechs Darsteller wechselweise Goethes „Vorspiel auf dem Theater“. Die Menschen wollen sie verwirren, heißt es da, denn befriedigen könne man sie nicht.

Mit literarischem Kabarett eröffnet Regisseur Christoph Roos den ersten Teil der Tragödie um Faust und führt ganz geschickt ins eigene Regiekonzept ein. Der Vorhang hebt sich und statt Studierzimmer bietet die Bühne von Peter Scior ein sandiges Plateau mit Hügelsaum und den Blick ins Weite. Ein Ort zwischen Himmel und Erde, wo ein multipler Faust aus mehreren Seelen spricht: Der Monolog („Habe nun, ach! Philosophie...“) wird zum chorischen Erfahrungsbericht, und neben fünf Fausten bleibt der sechste im schwarzen Jackett bald ein bisschen am Rand, um später „Hilfe“ anzubieten. Es ist Mephistopheles.

Ganz diesseitig erscheint Roos‘ Männerensemble zu Goethes „Faust I + II“. Zupackende Typen, dunkle Pullover, gradlinig, zum Leben bereit, nicht zum Zaudern. Für Osterspaziergänge oder Anschauungsunterricht in Auerbachs Keller haben sie keine Zeit. Sie suchen, ringen, lassen mit Rauch und Licht Schattenbilder erscheinen und machen die Reflexion über das eigene Ich zu einem körperlich fühlbaren Akt („den Göttern gleich ich nicht“). Mephistopheles lässt sie im Erdreich wühlen, bis er mit den Fingern schnippt und zum Gitarrenakkord ein sinnliches Trugbild aufscheinen lässt. Nun wird Faust zum geilen Kerl, der immer wieder auf die Verschleierte zuläuft. Seine vier alter ego haben sich auf die hinteren Hügel verzogen. Ihre Absichten sind reduziert: Gretchen kehrt mit dem Besen und wird zum Objekt der Begierde.

Jan Pröhl gibt nun den Haupt-Faust, der an Mephistos Jacke reißt, um in Gretchens Zimmer zu kommen. Nun wirken Liebe und Gier, so dass sich Mephisto hämisch über diese menschlichen Sehnsüchte stellt, wenn er Faust mit Erde bewirft und sich der Multiple Faust (5) wie ein geeintes Wesen in Schutzhaltung sammelt. Solche Bilder sind die Stärke der Inszenierung, die gerade im ersten Teil dicht, durchdacht und gefühlsecht wirkt.

Vor Gretchens Märtyrium geht ein kühler Regen her-unter, dem sich alle entgegenrecken. Sie sind eins mit der Natur, aus der sich Fausts Hoffnung nährt. Schon in Teil eins wird dem klassischen Lebensideal eine Abfuhr erteilt.

Gretchen ist in Christoph Roos Inszenierung das alternative Prinzip. Nachdem sie den Tod der Mutter verschuldet, das uneheliche Kind ertränkt hat, irrt sie wirr im Kerker umher. Statt der Aufforderung Fausts zu folgen, glaubt sie an Gott, und will nur so ihre Schuld sühnen. Fausts Ansinnen, abhauen und vergessen, teilt sie nicht, da er Mephisto vertraute. Laura Kiehne spielt die Figur anfangs zart mit hoffnungswarmen Mut. Am Ende hört sich die Wahnsinnige leider ganz eng und schrill an. Die große Tragik Gretchens hätte mehr Töne vertragen.

Die Essener Inszenierung von „Faust I + II“ ist vor allem ein Lebensdrama, das auch im zweiten Teil an maßloser Liebe krankt. Er will Helenen, und Mephisto muss wieder ran. Stefan Diekmann ist ein feinsinniger Teufel, der eloquent und treffsicher agiert. Fausts Lebenstempo bekommt von ihm ein paar Stationen: Der Etat des Kaisers wird mit Papiergeld gerettet, der Krieg vom Mischpult aus gewonnen, das Küstenland als Investionsobjekt verbaut. Fausts Agonie aber ist nicht aufzuhalten. Mit seiner Frau im silbernen Kleid gerät das Duett im roten Nebel zum Abgesang auf die Familie. Sohn Euphorion (Tobias Roth) klagt als punkiger Todesengel und fährt mit der Mutter hinab ins Grab. Das wirkt unausweichlich und beiläufig. Faust, der jede Moral verloren hat, wird erblinden, weil er schon lange nichts mehr sieht. Am Ende ist er uns fern, verloren.

Das Stück

Aus Goethes Welttheater wird ein im ersten Teil packendes Lebensdrama, das männliche Gier als Übel ausmacht.

Faust I + II im Grillotheater Essen. 7., 13., 17., 31. März, 13., 14., 27. April;

Tel. 0201 / 81 22 200

http://www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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