Gitarren-Akrobatik: Joe Bonamassa in Essen

ESSEN ▪ Bevor er „Guten Abend“ sagt, hat er seine Visitenkarte längst abgegeben. Sein erstes Set hat Joe Bonamassa bereits abgeliefert, als der Ausnahme-Gitarrist das erste Wort an das Publikum in der Essener Grugahalle richtet. Er ist gut drauf, denn an diesem Abend hat ihn die erste goldene Schallplatte für 100 000 verkaufte Alben erreicht. Bonamassa wird sich also einen neuen Running Gag überlegen müssen. Von Sabine Fischer

Die Koketterie, dass er seit 23 Jahren auf der Bühne stehe und 13 Alben produziert aber keinen Hit gelandet habe, funktionierte zum Schluss ohnehin nicht mehr reibungslos: 3 500 Menschen kamen allein nach Essen, um ihn zu sehen. Ausverkaufte Häuser, obgleich die Tour relativ spontan anberaumt wurde. Joe Bonamassa hat es geschafft – vom Frickelfreak, dessen Saitenakrobatik Insider und Gitarrenlehrer schätzen, hin zum gefeierten Rock- und Bluesgitarristen.

Er hat sich schick gemacht – Anzug muss sein, wenn Bonamassa Gäste empfängt. Der rote Raffvorhang, der hinter ihm in Wellen gen Bühnenboden fließt, wird sich an diesem Abend nicht heben, er dient als Projektionsfläche für eine rundum stimmige Visualisierung des Unglaublichen, das Bonamassa an seinen Instrumenten vollbringt.

Das Spiel mit Licht, Farben und Schatten entrückt die Band etwa bei zauberhaften Nummern wie dem herrlich verklärten wie leicht dreckig und angekratzten „Midnight Blues“ von Gary Moore. Geht es zur Sache, verwandelt die optische Täuschung Musiker in Pop-Up-Figuren und das Bühnengeschehen gefriert im Blitzgewitter zum schillernden Diorama.

Der Spot allerdings bleibt stets auf Bonamassa der nicht nur durch sein Spiel, sondern auch durch seinen Gesang zu begeistern versteht. Er ist kein Mann großer Gesten – unaufgeregt, nähert er sich den Stücken. Bei den Soloparts ringt Bonamassa sein Instrument nieder, windet sich um es, lässt sich von der Gitarre in die Knie zwingen. Ein Devotionaliensammlung aus Gitarren fehlt auf der Bühne: Der fliegende Wechsel wird unauffällig vollzogen und gelegentlich kommt das Theremin zum Einsatz.

Das Set hat Bonamassa geschickt kombiniert: Altbekannte Nummern wechseln sich ab mit neuen sowie Verweisen auf Bonmassas Projekte wie die Band Black Country Communion. Ein Kaleidoskop, das unaufdringlich den Rang von Kunst und Künstler verdeutlicht.

Bonamassas Opener, das viel variierte „Slow Train“, ist dafür beispielhaft. Selten spürte man die gebremste, noch nicht gänzlich entfesselte Kraft des Zuges besser, der an Fahrt aufnimmt. Auf einen humorvollen Wettstreit lassen sich Bonamassa und Schlagzeuger Tal Bergmann im Zuge des „Young Mans Blues“ ein.

Das Publikum geht mit. Zwischenrufe und –applaus sind nicht unüblich. Als Bonamassa zur Flying V, einer eher Hardrock-typischen, pfeilförmigen Gitarre greift, fordert er das Publikum auf, sich von den Sitzen zu erheben. Vor der Bühne und an den Seiten stehen die Fans ohnehin bereits. Das „It’s over“ in „Byrd on the wire“ kündigt an, dass nun eigentlich Schluss sein könnte. Doch Zugaben gibt es satt – zweieinhalb Stunden Musik nonstop.

Quelle: wa.de

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