Zwei neue Buchreihen zur Weltgeschichte

Wieviele Seiten braucht man, um die Geschichte der Welt zu erzählen? Ernst Gombrich, ein britisch-österreichischer Kunsthistoriker, brachte 1935 in seiner „Kleinen Weltgeschichte für junge Leser“ noch das Weltgeschehen von der Urzeit bis zum Ersten Weltkrieg auf 350 Seiten unter.

Die moderne Globalgeschichte braucht mehr Platz. Zwei neue, aufwändige Versuche, die Welt zu beschreiben, haben mit der „Neuen Fischer Weltgeschichte“ und der „Geschichte der Welt“ begonnen – sie könnten nicht unterschiedlicher sein.

Der Fischer-Verlag knüpft an Bewährtes an. Fast alle, die in den vergangenen 40 Jahren Geschichte studierten, haben die „Fischer Weltgeschichte“ schon in der Hand gehabt. 32 Bände erschienen zwischen 1965 und 1982. Die Reihe verstand sich als Überblicksdarstellung für Epochen und Kontinente und trug den Anspruch des Aufbruchs der 60er Jahre vor sich her. Verschiedene Regionen und Kulturen sollten gleichberechtigt dargestellt werden.

Das Nachfolgewerk, die auf 21 Bände angelegte „Neue Fischer Weltgeschichte“, schraubt die Ansprüche zurück. Man betrachte Geschichte nicht mehr als Fortschrittsprozess, schreiben die Herausgeber im Vorwort. Es handele sich vielmehr um ein „polyphones Geschehen mit ständig wechselnden Haupt- und Nebenstimmen“. Das Bemühen um regionale Ausgewogenheit ist geblieben. Für afrikanische Geschichte hatte die Fischer-Weltgeschichte nur einen Band übrig; in der Nachfolgereihe sind zwei vorgesehen; für Europa sind es sieben.

Die Reihe bleibt dem Handbuchprinzip treu. Die Bände widmen sich Regionen, die Darstellung ist chronologisch geordnet, Robert von Friedburgs Werk über die Frühe Neuzeit betont Politik- und Ideengeschichte, die Asien-Bände von David Arnold und Jürgen Paul lassen Landeskunde einfließen und greifen auch aktuelle Entwicklungen auf. Wo die „Neue Fischer Weltgeschichte“ sich als Basiswerk versteht, versucht die „Geschichte der Welt“, die im Beck-Verlag und der Harvard University Press erscheint, einen umfassenderen Anspruch einzulösen.

Das sechsbändige Werk entsteht unter der Aufsicht des japanischen Harvard-Historikers Akira Iriye und des Konstanzer Neugeschichtlers Jürgen Osterhammel. Der zuerst erschienene, von der US-Historikerin Emily S. Rosenberg herausgegebene Band betrachtet Geschichte konsequent als Weltgeschichte. Die Epoche von 1870 bis 1945, unter den Schlagwörtern „Weltmärkte und Weltkriege“ zusammengefasst, wird thematisch, nicht chronologisch aufgearbeitet; der Zustand der brasilianischen Kautschukindustrie um die Jahrhundertwende liefert genauso einen Beitrag zur Beschreibung der Welt wie der Sturz des letzten chinesischen Kaisers 1911.

Die Herangehensweise ist teilweise unorthodox: Der Harvard-Professor Charles S. Maier leitet seinen Beitrag über die Entstehung des modernen Nationalstaats nicht mit der Französischen Revolution ein, sondern mit der Vernichtung der 7. US-Kavallerie durch die Sioux 1876, dem letzten Rückzugsgefecht der nicht nationalstaatlich durchdrungenen Völker. Mehr als 1100 Seiten braucht das siebenköpfige Autorenkollektiv für seine herausragende Beschreibung der Welt. Auf die kommenden Bände darf man sich freuen. - Von Jörn Funke

Geschichte der Welt. Hg. v. Akira Iriye u. Jürgen Osterhammel. 6 Bde. Verlag C. H. Beck, München, bisher erschienen: Bd. 5: 1870-1945. Weltmärkte und Weltkriege. Hg. v. Emily S. Rosenberg, 1152 S., 48 Euro;

Neue Fischer Weltgeschichte. Hg. v. Jörg Fisch, Wilfried Nippel u. Wolfgang Schwentker. 21 Bde. S. Fischer Verlag, Frankfurt, bisher erschienen: Bd. 5: Robert von Friedeburg: Europa in der frühen Neuzeit, 469 S.; Bd. 10: Jürgen Paul: Zentralasien, 576 S.; Bd. 11: David Arnold: Südasien, 606 S., jeweils 29,99 Euro.

Quelle: wa.de

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